Zerdehntes Schreiben

Beim Schreiben längerer Texte mache ich ohnehin oft längere Pausen. Bei meiner Dissertation waren die teils mehrere Monate lang, bei meinem E-Book zu Virtual Reality immerhin noch mehrere Wochen. In den Pausen kümmere ich meistens um meine Flugsimulations-Jobs, und manchmal gehe ich auch einfach nur zu meiner „normalen“ Arbeit und mache gar nix Freiberufliches (was sich dann fast wie Urlaub anfühlt, zumindest bis dann doch mal eine Deadline drückt). Nun schreibe ich aber, wie schon öfter erwähnt, an einer Essayreihe bei Telepolis (über den Umgang mit Medien, über die Skepsis gegenüber etablierten Massenmedien, und über die leibliche Wirkung, die Medien haben können und wie der eigene Wohnort da reinspielt).

Die Idee zu der Reihe hatte ich schon 2016, ein grobes Exposé lag im Frühjahr 2017 vor, und die einzelnen Teile des Essays entstehen seit August 2017. Dieses über Monate zerdehnte Schreiben fühlt sich einerseits an wie die gewohnten langen Projekte, doch andererseits ist es herausfordernder. Da die Teile zwischendurch schon veröffentlicht werden, müssen sie für sich gesehen lesbar sein, aber trotzdem müssen sie aufeinander aufbauen, selbst wenn da ein halbes Jahr zwischen liegt. Bei langen Texten, die als ein Ganzes veröffentlicht werden, kann man jederzeit zuerst geschriebene Teile an später geschriebene Teile anpassen, bis alles rund ist, aber wenn die Teile jeweils einzeln erscheinen, geht das nicht so einfach — ich schreibe die ja nicht „blind“ vor mir her, sondern es kommen ja noch immer neue Ideen dazu, oder ich lese irgendwo etwas, auf das ich mich beziehen will. Oder womöglich stelle ich sogar fest, dass ich etwas früher Geschriebenes nun doch anders sehe!

Dabei den roten Faden zu behalten, ist gar nicht so einfach. Geschweige denn, sich an die Struktur des ursprünglichen Exposés zu halten (was ich auch fast aufgegeben habe — inhaltlich passt es schon, aber die Aufteilung ist ganz anders). Auf jeden Fall ist es für mich ein spannendes Experiment, mal auf diese „dynamische“ Weise zu schreiben. Ich habe jetzt noch zwei Teile vor mir. Ich hoffe, ich habe hinterher noch die Chance, alles zu einem leicht erweiterten und abgerundeten Gesamttext zu verbinden, aber das wird man sehen. Spaß macht es mir aber schon jetzt.

Headcanon

Hier mal ein provisorischer Textauszug aus meiner Einleitung meines momentanen work-in-progress-Textes, der mal „New York Times lesen in Magdeburg“ heißen sollte, aber nun den Titel „Headcanon – das epikritische Zeitalter“ trägt:

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir einem permanenten Dauerfeuer aus multiperspektivischen Eindrücken ausgesetzt sind, bei denen nicht nur Interpretationen subjektiv sind, sondern Seinsaussagen selbst je nach Standpunkt wahr oder falsch sind – Fakten und Alternative Facts. Um dieses Phänomen zu benennen, benutze ich den aus der Popkultur bekannten Begriff des Headcanon (Kopf-Kanon).

Der Begriff wird mitunter von Fans fiktiver Kosmen von Fernsehserien, Filmen, Büchern und Computerspielen benutzt. Der Kopf-Kanon erweitert oder widerspricht der offiziellen Darstellung. Dumbledore aus „Harry Potter“ mag im offiziellen Kanon tot sein, aber das hindert Fans nicht daran, ausführlich alternative Theorien zu diskutieren und angebliche Fakten zusammenzutragen, die ihre Ideen untermauern – ein kreatives und durchaus spaßiges Spiel. Mit dem Label Headcanon versehen, vermeiden diese Fans langwierige Konflikte darum, dass so etwas dem offiziellen Kanon widerspricht, nach dem Prinzip: ‚Okay, das ist ja nur dein Headcanon, also ist es in Ordnung, dass du behauptest, Dumbledore lebe noch‘. (Eine Computerspielserie, bei denen die Spielentwickler sogar zum Schaffen individuellen Headcanons aufrufen, ist The Elder Scrolls.) Headcanon liefert Kontext, vor dem eine Aussage zur Welt wahr oder falsch sein kann. So kann jeder seinen eigenen Headcanon haben und individuell entscheiden, was zur Welt dazugehört und was nicht.

Das mitunter Bestürzende der letzten Monate allerdings ist die Beobachtung, dass immer mehr ‚echte‘ Wirklichkeit nach dem Prinzip des Headcanon zurechtgerückt wird, teils von mächtigen Akteuren (bekanntestes Beispiel: Donald Trump; Trump-Anhänger wiederum würden als Beispiel die traditionellen Medien nennen). Für traditionelle Medien ist immer noch überraschend, dass das jeweilige Ergebnis von vielen Menschen als ‚wahr‘ akzeptiert wird, und so deuten sie auf die Fehler oder korrigieren diese (fact checking). Doch gerade weil so viele Experten, also Journalisten, Medienwissenschaftler, Soziologen u.ä., auf den ‚fake‘-Charakter von ‚alternative facts‘ hinweisen, werden die ‚alternative facts‘ geglaubt, denn Experten (die negativ als Eliten wahrgenommen werden) wird zunehmend misstraut. Mein Eindruck etwa ist, dass Journalisten wie feuilletonistische Film- oder Literaturkritiker wahrgenommen werden. Nach dem Prinzip: Wenn SPIEGEL online einen Film schlecht findet, dann muss der Film ja gut sein (und umgekehrt). Mein Eindruck ist, dass der Umgang mit etablierten Medien zurzeit ähnlich funktioniert.

(Der vorige Titel mit der New York Times in Magdeburg bleibt als Kapitelüberschrift bestehen.)