Dirk Baecker: Polyphonie im Medium der Sprache

Ausgehend vom Phänomen der Polyphonie hat Dirk Baecker in kompakter, aber vielleicht gerade deshalb gut lesbarer Form einige Grundfragen menschlicher bzw. sprachlicher Kommunikation auf den Punkt gebracht. Die PDF seines Vortrags kann man in seinem Blog runterladen:

The Catjects Project

Eine erste Einheit der Differenz von fest und flüssig, von langage und langue, von Sprechen und Sprache ist die Kommunikation, in der Sprache und Sprechen grundsätzlich polyphon auftreten, indem jede aktuelle Aussage eine potentielle mitführt, von der sie sich gestützt weiß, die sie angreift oder zu der sie im nächsten Moment wechselt. In der individuellen Aussage sprechen nicht nur andere individuelle Aussagen, sondern auch ein Allgemeines, die Möglichkeit des Wechsels, von der und in der jede individuelle Aussage sich abgrenzt.

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Heinz von Foerster: Tanz mit der Welt

Heinz von Foerster war für den Konstruktivismus und als Referenz für Luhmanns Systemtheorie ziemlich bedeutsam. Hans-Ulrich Gumbrecht hat sich mal in einem Vortrag über Luhmanns Umgang mit Theoretikern, die man außerhalb der Systemtheorie kaum kennt, etwas lustig gemacht. So sei von Foerster vor allem „ein sympathischer, kauziger, emeritierter Ingenieurswissenschaftler“, aber (so muss man Gumbrecht verstehen) kaum relevant für Philosophen (also diejenigen, zu denen sich Luhmann, selbstironisch, nicht zählte). (Ähnlich ironisch urteilte Gumbrecht an der Stelle auch über George Spencer Brown, Humberto Maturana, Fritz Heider und Gotthard Günther. Gumbrechts Vortrag trug den Titel „Alteuropa“ und „Der Soziologe“ – Wie verhält sich Niklas Luhmanns Theorie zur philosophischen Tradition? Er ist auf der CD Niklas Luhmann – Beobachtungen der Moderne enthalten).

Jedenfalls ist das mit Kauzigkeit Heinz von Foersters schon nachvollziehbar. Bei YouTube gibt es eine alte Dokumentation über seine Arbeit, mit dem schönen Titel „Tanz mit der Welt“, wo man sich davon selbst ein Bild machen kann:

War da noch was, Herr Luhmann?

Der Titel dieses Blogeintrags lehnt sich an die Bücherreihe „… Herr Luhmann?“ an, in der vor einigen Jahren mehrere Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gesammelt wurden („Was tun, Herr Luhmann?“, „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?“, „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ und „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann?“) Den Titel habe ich gewählt, weil ich ehrlich überrascht war, ein neues Buch Luhmanns in der Buchhandlung zu entdecken [in Rostock im Hugendubel; unwahrscheinlich, sowas in Magdeburg zu finden — wobei, immerhin ein Band von Dirk Baecker steht da rum … Und Dirk Baecker ist es auch, der als Herausgeber des neuen Luhmann-Bandes fungiert.] Die Aufsatzsammlung heißt „Die Kontrolle von Intransparenz“ und wird als „Theorievermächtnis“ aus der „letzten Schaffensphase“ Luhmanns beworben.

Das Buch enthält keine bis dahin unveröffentlichten, womöglich erst wiederentdeckten Texte, sondern die Aufsätze sind zwischen 1989 und 1998 alle schon andernorts erschienen. Der neue Band stellt sie geschickt zusammen und erlaubt es so einerseits, Luhmanns Verständnis von Systemtheorie und konstruktivistischer Erkenntnistheorie nachzuvollziehen: Erkenntnis, Intelligenz, Kausalität, Zeit und Gedächtnis sind Grundbegriffe, an denen sich vier der Aufsätze abarbeiten, ergänzt durch ein einordnendes Nachwort Dirk Baeckers. Das Buch ist damit tatsächlich als Einführung in Luhmanns Denken aus erster Hand brauchbar, ohne erschlagend zu sein.

Andererseits kulminieren diese Betrachtungen in einem fünften Aufsatz, der titelgebend war, eben „Die Kontrolle von Intransparenz“. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie mit Ungewissheit umzugehen ist — und dabei ist klar, dass sich diese nicht vermeiden lässt (S. 120). Wenn man den Autor diesem Sinne noch einmal fragen würde: „Was tun, Herr Luhmann?“, dann käme womöglich das Ende des Intransparenz-Aufsatzes als Antwort:

Wenn man in dieser Lage überhaupt im Bestande der abendländischen Tradition nach Modellen für eine Lösung suchen will, dann könnte man vielleicht an das Konzept der Stoa denken, das sich mehr als einmal in unruhigen Zeiten bewährt hat, nämlich an die Weisung, in Ruhe und Würde auszuhalten, was immer sich an eigenem und fremdem Handeln abspielt.

(ebd.)

Es ist an Dirk Baecker, in seinem Nachwort über dieses Fazit hinauszugehen, indem er Luhmanns Ansatz noch stärker (als Luhmann selbst in dem Text) an den form-Begriff George Spencer-Browns und die Figur des Beobachters zweiter Ordnung rückbindet:

[M]an kontrolliert sie [die Intransparenz, M.D.], indem man Beobachter beobachtet, die temporale Formen entwerfen, deren Innen- und Außenseiten unter der Voraussetzung eines mitlaufenden unmarked space [Hervorh. i. O.] verschiedene Systeme und deren Umwelten untereinander vernetzen.

(ebd., S. 145).

Baecker spricht dabei von rekursiv verschachtelten Systemen (ebd., S. 146) und sieht darin „die eigentliche Botschaft des Nachdenkens über die Kontrolle von Intransparenz“ (ebd.)