Der Schmerz der Staatsräte

Ich lese gerade Helmut Lethens neues Buch über Staatsräte in der NS-Zeit. Sein Ansatz, vier Personen zu Gesprächen versammeln, die so nie stattfanden (aber in den Gesprächen zahlreiche Originalzitate dieser Personen zu nutzen), ist ein sehr interessanter Zugang zur Thematik. Das erlaubt Lethen auch einen ironischen Zugang zu dem Erschreckenden (erschreckend sind die Ansichten dieser Personen und die gesellschaftliche Situation). Mitunter kommt da eine lächerliche Tragik dieser Gestalten zum Vorschein. Ich bin dennoch ganz froh, dass es zu Beginn des Buches eine sachliche Einleitung in die Thematik gibt, und die „Geistergespräche“ zwischendurch durch ähnlich nüchterne Kapitel unterbrochen werden.

Zurzeit bin ich bei dem Kapitel zum Schmerz. Da musste ich an einen Vortrag Lethens denken, den er vor einigen Jahren an der Universität Rostock gehalten hat. Dort tauchen schon seine Reflexionen zum Schmerz-Verständnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch auf (den Vortrag hat Lethen damals in unserer Zeitschrift „WISSENSCHAFT in progress“, Heft 1.10 veröffentlicht, das Heft mit dem Text kann man hier runterladen). Die Kontextualisierung, die in den fiktionalen Diskussionen mit den „Geistern“ Carl Schmitt, Gustaf Gründgens und Wilhelm Furtwängler stattfindet, ist zur Einordnung dieses Themas sehr hilfreich.

Ich habe jetzt ca. die Hälfte des Buches durch, und viele Rezensionen und Interviews dazu gelesen. Besonders hörenswert ist das Interview mit Lethen im Deutschlandfunk Kultur.

Irritierend hingegen wirkt eine Rezension von Seiten der Neuen Rechten, die ich gestern im Internet gefunden habe, und wiederum erschreckend sind einige der Kommentare darunter. Nein, ich möchte wirklich nicht in einem Land leben, in dem solche scheinbar im tiefsten Innern von Carl-Schmittschem Freund-Feind-Denken erfüllten und durch einen imaginierten „Großen Austausch“ angetriebenen Menschen die politische und kulturelle Landschaft bestimmen und wegen der Ängste dieser Menschen mühsam gewonnene Freiheiten eingeschränkt werden.

„Die Physiognomie einer Diktatur“

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat ein Buch über vier Staatsräte der NS-Zeit geschrieben: „Die Staatsräte: Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“ (Rowohlt). In einem Interview zu dem Buch mit der FAZ wird deutlich, dass in dieser Darstellung der „Physiognomie einer Diktatur“ (so die Werbung des Verlags) „die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten […] als Subtext aber immer mit[schwingt]“ (Julia Encke). Enckes Interview verweist auf einen Konflikt, der auch Lethens engstes Umfeld betrifft, wie die Süddeutsche Zeitung letztes Jahr berichtet hat. Von Details dazu bleibt Lethens Buch glücklicherweise verschont, wie man der Leseprobe des Verlags (siehe erster Link) entnehmen kann. Eine Rezension zu dem Band werde ich zu gegebener Zeit posten.