Buchtipp: „Magdeburg: Architektur und Städtebau“

mdbauStädtebaulich finde ich Magdeburg sehr spannend vom ersten Moment an, seit wir uns im März 2015 hier eine Wohnung gesucht haben. Die Stadt ist ziemlich weitläufig und überall architektonisch vielfältig. Es gibt auch in sich geschlossene Plattenbau-Gebiete aus DDR-Zeiten, aber die sind weit weniger dominant als in manchen anderen Städten Ostdeutschlands (z.B. auch im Vergleich zu Rostock, wo wir früher gelebt haben). Heute habe ich ein Buch gefunden, in dem man diese Vielfalt anschauen, darüber lesen und nachdenken kann: „Magdeburg: Architektur und Städtebau“, herausgegeben vom Stadtplanungsamt.

Nach einem Einleitungsaufsatz im ersten Kapitel, in dem natürlich auch auf die Zerstörungen der Stadt im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg eingegangen wird, folgt ein sehr langes Kapitel, in dem Stadtteil für Stadtteil die jeweils bemerkenswerten Bauwerke mit Foto und kurzem Text vorgestellt werden. Sehr schön ist, dass dabei auch sehr neue Gebäude sowie Visualisierungen erst geplanter Bauten aufgenommen wurden, das Buch ist also wirklich aktuell. Nach dem zweiten Kapitel schließt sich noch ein kürzerer dritter Abschnitt an, der sich speziell dem „Neuen Bauen“ der 1920er Jahre widmet; davon gibt es ja einige Viertel verteilt über die ganze Stadt.

Visuell ähnelt das Buch einem Katalog, wie er zu Kunstausstellungen üblich ist, d.h. die meisten Bilder sind relativ klein. Dazwischen gibt es jedoch immer wieder größere Fotos, auch einige doppelseitige Großaufnahmen, oft als Luftbild. Einige der Großaufnahmen vermitteln ungewöhnliche Perspektiven und damit ein Bild der Stadt, mit dem man sonst eher nicht rechnet — manches Mal möchte man — kunsthistorisch ganz unbedarft — sagen: „Oh, das sieht ja schön aus“. Schwarz-weiße Stadtplan-Ausschnitte, in denen jeweils die im Buch enthaltenen Bauwerke farbig markiert wurden, sind hilfreich zur Verortung der Gebäude und lockern das Buch auf.

Ich habe mir in den letzten dreieinhalb Jahren diverse Bücher über Magdeburg gekauft, aber dieser Band sticht deutlich hervor. Er ist als Taschenbuch erschienen, aber mit Fadenheftung und dadurch recht haltbar. Die Qualität der Aufnahmen ist sowohl technisch als auch von der Motivwahl her meist sehr gut. Die typographische Gestaltung ist unaufdringlich-angemessen. Insgesamt eine absolute Kaufempfehlung, wenn man sich für Städtebau interessiert — die gerade mal 25 Euro kostet.

Erinnern und Vergessen

Im Jahr 1992 erschien Jan Assmanns Buch „Das kulturelle Gedächtnis“. Im Jahr 2016 erschien „Formen des Vergessens“ seiner Frau Aleida Assmann. Beide befassen sich — neben anderen Formen — auch mit der Rolle des Ortes für Erinnerung und Vergessen.

Jan Assmann schreibt (u.a.) über den in der Bibel geschilderten Exodus des Volkes Israel aus Ägypten. Wie der Exodus als „Erinnerungsfigur“ (S. 201) für den Aufbau einer kollektiven Identität wirkt. „Die Historizität des Exodusgeschehens ist höchst umstritten. […] Entscheidend ist aber nicht die Historizität, sondern die Bedeutung dieser Geschichte in der israelischen Rückerinnerung. […] Die Herausführung des Volkes aus Ägypten ist der Gründungsakt schlechthin […] von allem Anfang her wird das Volk durch die Auswanderung und Ausgrenzung bestimmt“ (S. 201f.)

Aleida Assmann schreibt vierzehn Jahre später (u.a.) über das moderne Israel. Darüber, wie nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 viele palästinensische Orte verlassen wurden (oder aus denen, je nach Sichtweise, die arabische Bevölkerung vertrieben wurde). Das nennt sich in der palästinensischen Erinnerung „Nabka“ („Unglück“) oder „palästinensischer Exodus“. Aleida Assmann weist darauf hin, dass bei der Nabka palästinensische Orte ihren Erinnerungscharakter verloren haben, während neue Monumente von der israelischen Erinnerung künden. Daher „sprechen [wir]“ hinsichtlich Israel, so A. Assmann, „von einem Land mit zwei Topologien und Narrativen, von denen die Symbole des einen überwältigend sichtbar, die Spuren des anderen weitgehend gelöscht sind“ (S. 164).

Aleida Assmann bezeichnet den Holocaust bis 1945, den Unabhängigkeitskrieg 1948 und die Nabka 1948 als drei wichtige Phasen israelisch-palästinensischer Geschichte, doch jede Seite habe jeweils nur zwei dieser Phasen im Blick und sei blind für die dritte (S. 162f.) Solange so eine teils unvollständige, teils gegensätzliche Erinnerung besteht, ist Verständnis und damit Frieden ungemein schwierig.

Fünf

20180502_1937301276732344.jpg

Es gibt ja so Bücher, die einen das ganze Leben über begleiten. Wenn ich vor dem Bücherregal stehe, fällt mein Blick oft zuerst auf diese. Hier sind ein paar Zitate:

Ethan, die begreifen das nicht. Die anderen in meiner Klasse. Man hält mich für eine Faschistin, weil ich Software-Aufbereitungen benutzen will, um Realitäts/Virtualitäts-Überlagerungen zu erzeugen. ‚Mechanistisch, seelenlos, völlig unbedeutend für den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, in dem der Mensch doch in einem Universum der Quantenunschärfe gefangen ist‘, sagen sie.

(Ian McDonald, Schere schneidet Papier wickelt Stein)

„Diplomatie ist die Kunst des Möglichen“, fügte Dr. Tagore hinzu. „Sagte ich das bereits?“ „Ja.“ „Aber nicht die Kunst des Notwendigen. Und daraus folgt: Warum müssen so viele sterben, obgleich es Alternativen zum Tod gibt?“ Dr. Tagore starrte an Krenn vorbei, und Tränen glänzten in seinen Augen.

(John M. Ford, Der letzte Schachzug)

In manchem seien ja die Beamten wie Kinder.

(Franz Kafka, Der Prozeß)

„Die alten Kirschbäume dort … Die Blüte ist schon vorüber, aber weißt du, ich möchte so gerne die Nordbergzedern sehen. Es ist ja nicht weit von Takao. Immer wenn ich sehe, wie gerade und schön sie aufragen, fühle ich mich wie neu geboren. Geh doch mit bis zu den Zedern! An den Nordbergzedern liegt mir viel mehr als am Ahornlaub.“

(Yasunari Kawabata, Kyoto)

„Schau sie dir gut an, Alvin“, sagte er. „Es mag die letzte sein, die man auf Erden zu Gesicht bekommt. Ich habe in meinem Leben außer dieser nur eine gesehen, und in alter Zeit soll der Himmel voll von ihnen gewesen sein.“ Stumm beobachteten sie, und mit ihnen die Tausende auf den Straßen und in den Turmhäusern von Diaspar, bis sich die letzte Wolke aufgelöst hatte, ausgesogen von der heißen, ausgedörrten Luft der Wüste.

(Arthur C. Clarke, Diesseits der Dämmerung)

Der Schmerz der Staatsräte

Ich lese gerade Helmut Lethens neues Buch über Staatsräte in der NS-Zeit. Sein Ansatz, vier Personen zu Gesprächen versammeln, die so nie stattfanden (aber in den Gesprächen zahlreiche Originalzitate dieser Personen zu nutzen), ist ein sehr interessanter Zugang zur Thematik. Das erlaubt Lethen auch einen ironischen Zugang zu dem Erschreckenden (erschreckend sind die Ansichten dieser Personen und die gesellschaftliche Situation). Mitunter kommt da eine lächerliche Tragik dieser Gestalten zum Vorschein. Ich bin dennoch ganz froh, dass es zu Beginn des Buches eine sachliche Einleitung in die Thematik gibt, und die „Geistergespräche“ zwischendurch durch ähnlich nüchterne Kapitel unterbrochen werden.

Zurzeit bin ich bei dem Kapitel zum Schmerz. Da musste ich an einen Vortrag Lethens denken, den er vor einigen Jahren an der Universität Rostock gehalten hat. Dort tauchen schon seine Reflexionen zum Schmerz-Verständnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch auf (den Vortrag hat Lethen damals in unserer Zeitschrift „WISSENSCHAFT in progress“, Heft 1.10 veröffentlicht, das Heft mit dem Text kann man hier runterladen). Die Kontextualisierung, die in den fiktionalen Diskussionen mit den „Geistern“ Carl Schmitt, Gustaf Gründgens und Wilhelm Furtwängler stattfindet, ist zur Einordnung dieses Themas sehr hilfreich.

Ich habe jetzt ca. die Hälfte des Buches durch, und viele Rezensionen und Interviews dazu gelesen. Besonders hörenswert ist das Interview mit Lethen im Deutschlandfunk Kultur.

Irritierend hingegen wirkt eine Rezension von Seiten der Neuen Rechten, die ich gestern im Internet gefunden habe, und wiederum erschreckend sind einige der Kommentare darunter. Nein, ich möchte wirklich nicht in einem Land leben, in dem solche scheinbar im tiefsten Innern von Carl-Schmittschem Freund-Feind-Denken erfüllten und durch einen imaginierten „Großen Austausch“ angetriebenen Menschen die politische und kulturelle Landschaft bestimmen und wegen der Ängste dieser Menschen mühsam gewonnene Freiheiten eingeschränkt werden.

„Die Physiognomie einer Diktatur“

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat ein Buch über vier Staatsräte der NS-Zeit geschrieben: „Die Staatsräte: Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“ (Rowohlt). In einem Interview zu dem Buch mit der FAZ wird deutlich, dass in dieser Darstellung der „Physiognomie einer Diktatur“ (so die Werbung des Verlags) „die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten […] als Subtext aber immer mit[schwingt]“ (Julia Encke). Enckes Interview verweist auf einen Konflikt, der auch Lethens engstes Umfeld betrifft, wie die Süddeutsche Zeitung letztes Jahr berichtet hat. Von Details dazu bleibt Lethens Buch glücklicherweise verschont, wie man der Leseprobe des Verlags (siehe erster Link) entnehmen kann. Eine Rezension zu dem Band werde ich zu gegebener Zeit posten.

War da noch was, Herr Luhmann?

Der Titel dieses Blogeintrags lehnt sich an die Bücherreihe „… Herr Luhmann?“ an, in der vor einigen Jahren mehrere Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gesammelt wurden („Was tun, Herr Luhmann?“, „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?“, „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ und „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann?“) Den Titel habe ich gewählt, weil ich ehrlich überrascht war, ein neues Buch Luhmanns in der Buchhandlung zu entdecken [in Rostock im Hugendubel; unwahrscheinlich, sowas in Magdeburg zu finden — wobei, immerhin ein Band von Dirk Baecker steht da rum … Und Dirk Baecker ist es auch, der als Herausgeber des neuen Luhmann-Bandes fungiert.] Die Aufsatzsammlung heißt „Die Kontrolle von Intransparenz“ und wird als „Theorievermächtnis“ aus der „letzten Schaffensphase“ Luhmanns beworben.

Das Buch enthält keine bis dahin unveröffentlichten, womöglich erst wiederentdeckten Texte, sondern die Aufsätze sind zwischen 1989 und 1998 alle schon andernorts erschienen. Der neue Band stellt sie geschickt zusammen und erlaubt es so einerseits, Luhmanns Verständnis von Systemtheorie und konstruktivistischer Erkenntnistheorie nachzuvollziehen: Erkenntnis, Intelligenz, Kausalität, Zeit und Gedächtnis sind Grundbegriffe, an denen sich vier der Aufsätze abarbeiten, ergänzt durch ein einordnendes Nachwort Dirk Baeckers. Das Buch ist damit tatsächlich als Einführung in Luhmanns Denken aus erster Hand brauchbar, ohne erschlagend zu sein.

Andererseits kulminieren diese Betrachtungen in einem fünften Aufsatz, der titelgebend war, eben „Die Kontrolle von Intransparenz“. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie mit Ungewissheit umzugehen ist — und dabei ist klar, dass sich diese nicht vermeiden lässt (S. 120). Wenn man den Autor diesem Sinne noch einmal fragen würde: „Was tun, Herr Luhmann?“, dann käme womöglich das Ende des Intransparenz-Aufsatzes als Antwort:

Wenn man in dieser Lage überhaupt im Bestande der abendländischen Tradition nach Modellen für eine Lösung suchen will, dann könnte man vielleicht an das Konzept der Stoa denken, das sich mehr als einmal in unruhigen Zeiten bewährt hat, nämlich an die Weisung, in Ruhe und Würde auszuhalten, was immer sich an eigenem und fremdem Handeln abspielt.

(ebd.)

Es ist an Dirk Baecker, in seinem Nachwort über dieses Fazit hinauszugehen, indem er Luhmanns Ansatz noch stärker (als Luhmann selbst in dem Text) an den form-Begriff George Spencer-Browns und die Figur des Beobachters zweiter Ordnung rückbindet:

[M]an kontrolliert sie [die Intransparenz, M.D.], indem man Beobachter beobachtet, die temporale Formen entwerfen, deren Innen- und Außenseiten unter der Voraussetzung eines mitlaufenden unmarked space [Hervorh. i. O.] verschiedene Systeme und deren Umwelten untereinander vernetzen.

(ebd., S. 145).

Baecker spricht dabei von rekursiv verschachtelten Systemen (ebd., S. 146) und sieht darin „die eigentliche Botschaft des Nachdenkens über die Kontrolle von Intransparenz“ (ebd.)