Lazarus lebt. David Bowies Musical am Schauspiel Leipzig

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David Bowies Musical „Lazarus“ (zu dessen Premiere am 07.12.2015 in New York Bowie seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte) wird seit geraumer Zeit in unterschiedlichen Versionen auch in Deutschland aufgeführt. Am 15.06.2019 hatte Lazarus am Schauspiel Leipzig Premiere; ich habe mir die Aufführung am 04.07. angeschaut, nachdem ich schon vorher Ausschnitte der New Yorker Fassung im Internet gesehen, das Skript gelesen und die CD rauf und runter gehört hatte.

Lazarus vereint 16 Songs Bowies, von denen er vier extra für das Musical geschrieben hatte (darunter den Titeltrack, der auch auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde). Darunter sind Klassiker wie „Life on Mars?“, „Absolute Beginners“ und „Heroes“. Verbunden werden die Songs durch eine Geschichte, die Walter Tevis Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976 mit Bowie verfilmt) fortführt.

Der Protagonist, der vom Planeten Anthea stammende Thomas Jerome Newton, hat das Leben auf der Erde satt und betäubt sich mit Alkohol und…

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Aus dem Gleichgewicht — Theresa Hannig: Die Unvollkommenen

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Am mecklenburgischen Ostseestrand, nahe der Hansestadt Rostock, gibt es ein Seebad, das für gewöhnliche Bürger*innen nicht zugänglich ist. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm, das seit dem Verkauf des historischen Ortskerns an den Projektentwickler Anno August Jagdfeld im Jahr 1996 auch an normalen Tagen fast so abgeschottet ist wie während des G8-Gipfels 2007. Nein, hier geht es um das nur wenige Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn — allerdings das des Jahres 2058, wie es in Theresa Hannigs neuem Roman „Die Unvollkommenen“ geschildert wird.

Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.

2058 wird Kühlungsborn durch eine riesige weiße Mauer vom Rest der Küste abgegrenzt sein. Die 1910-12 im Ortsteil Arendsee errichtete „Villa Baltic“ wird 2058 zum sanften Gefängnis ausgebaut sein — zum „Internat“, wie es in der euphemistischen Sprache der Bundesrepublik Europa (BEU) heißen wird. In das Internat kommen keine Kinder reicher Eltern, sondern aufmüpfige Bürger*innen, die sich nicht mit der durch…

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Überwältigungsmechanik — allein im unmöglichen Kunst-Raum (Die virtuelle Kremer Collection, Teil 2)

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Architektur ist wichtig für die Entstehung von örtlicher Präsenz. Örtliche Präsenz ist, in Anlehnung an den Begriff sense of place, eine subjektive Wahrnehmung, die mehr als bloße Anwesenheit in einem Raum meint. Örtliche Präsenz heißt, den technisch definierten Raum zu einem bedeutungsvollen Ort zu machen oder ihn so wahrzunehmen. Örtliche Präsenz ist damit eine subjektive Wahrnehmung und eine soziale Konstruktion. In ‚der echten Welt‘ konnte die Menschheit über Jahrtausende an der Rolle von Architektur für die Entstehung des sense of place und entsprechender leiblicher Dynamiken arbeiten. In virtuellen Welten hingegen, die sich prinzipiell nicht an Naturgesetze gebunden fühlen müssten, entwickeln sich Formen und Funktionen erst noch. Aus Sicht der Besucher*innen solcher Experimente kann dies mal enttäuschen und mal überwältigen.

Sense of Place im Museums-Nachbau

Viele Virtual-Reality-Umsetzungen von Museen und Ausstellungsräumen orientieren sich an echten Vorbildern und erzeugen so eine oft wirkungsvolle Illusion der Präsenz an diesen Orten.

Das…

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Museum zum Mitnehmen: Die virtuelle Kremer Collection (Teil 1 von 3)

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Eine beliebte Form von Virtual-Reality-Anwendungen sind virtuelle Darstellungen von Museen; vor ein paar Jahren schrieb ich über das Museum im Zeitalter seiner Virtualisierbarkeit und sie waren Thema meines Buches Die Form des Virtuellen (2016). Ein interessantes Projekt, das es damals noch nicht gab, ist The Kremer Collection, in der ein niederländischer Sammler seine Sammlung in einem virtuellen Museum zugänglich macht — in einer technisch sehr hohen Qualität. Dies wirft erneut Benjamins Frage nach der Reproduzierbarkeit von Kunst auf.

Das Museum, in dem ich mich befinde, steht an keinem Ort. Obwohl es von einem Architekten gestaltet wurde (Johan van Lierop), befindet es sich nicht in einer wirklichen Stadt. Die 74 Kunstwerke, die hier ausgestellt werden — alles niederländische und flämische Alte Meister, sogar ein ‚echter‘ Rembrandt ist darunter — sind in dieser Form nie zusammen zu sehen gewesen. Diese Zusammenstellung gibt es nur in der virtuellen Realität…

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Vortrag auf der Frankfurter Buchmesse am 20.10.2019

Ich bin gerade sehr gut gelaunt, denn dieses Jahr werde ich mein Buch „Die Unschuld der Maschinen“ auf der Buchmesse in Frankfurt vorstellen. Nach Frankfurt wollte ich sowieso schon immer mal fahren, und dass das nun auf diese Weise möglich ist, finde ich natürlich toll.

Mein Beitrag findet am Sonntag, 20.10. zwischen 11:30 und 12:00 in Halle 4 statt, auf der sog. „EDU Stage“, einem Bereich, der Bildungsthemen gewidmet ist.

Projekt: Über/Strom — Blog und Buchreihe

Ich habe in den letzten Wochen ab und zu Sachen „rebloggt“, die in einem neuen Blog- und Buchprojekt erscheinen, das von Dr. Uta Buttkewitz (Universität Rostock) und mir herausgegeben wird. Das Projekt trägt den Titel „Über/Strom — Wegweiser durchs digitale Zeitalter“ und ist auf zehn Jahre angelegt — sozusagen auf die „neuen Zwanziger Jahre“, also 2020 bis 2030. Wir gehen von der These aus, dass im kommenden Jahrzehnt wichtige Weichenstellungen in technologisch-gesellschaftlicher Hinsicht geschehen werden. Über/Strom ist eine Buchreihe, die zu aktuellen medientechnischen Entwicklungen dieser Zeit und vor allem zu deren ganz lebensweltlichen, auch alltagspraktischen Folgen für Individuum und Gesellschaft Stellung nimmt. Verschiedene Autor*innen nehmen dabei aus ihrer je eigenen wissenschaftlichen Perspektive ein konkretes Thema in den Blick.

Die Reihe ist Technik nicht abgeneigt, im Gegenteil sind wir davon durchaus fasziniert. Verbindendes Element ist aber die Wahrnehmung, dass die Gesellschaft durch immer neue Variation technologischer Entwicklung und neue unerwartete Technikfolgen, metaphorisch gesprochen, unter Strom steht. In unserer Beschreibung des Projekts drücken wir das wie folgt aus:

„Die Welt scheint in rasendem Tempo zu drehen, und wir sind mittendrin in diesem Flirren. Aber wo genau? Die Beiträge der Buchreihe und begleitend die Blogbeiträge beschäftigen sich unter anderem mit folgenden Fragen:

  • Verändern sich menschliche Beziehungen, und wenn ja, wie?
  • Welchen Stellenwert hat heutzutage noch das ‚alte‘ Analoge?
  • Wie können wir mit Künstlicher Intelligenz leben?
  • Wo bleiben nicht-männliche (weibliche, diverse, *) Blicke auf die Digitalisierung?
  • Wie verändern sich Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse?
  • Wie lässt sich persönliche Identität in einer projektbezogenen Arbeitswelt stabil halten?
  • Was heißen Inklusion und Diversität in einer ‚smarten‘ globalen Gesellschaft?
  • Wie helfen uns Erzählungen, Geschichten, Mythen heute noch?“

Obwohl die ersten Bücher der Reihe bereits konzipiert sind, sind wir offen für Vorschläge, die auch gern interdisziplinär sein dürfen — gerade die Verbindung von Geisteswissenschaften mit Technik und/oder Naturwissenschaften ermöglicht spannende Perspektiven.

Endlich da: Die Unschuld der Maschinen nun auch gedruckt

Gestern sind meine drei Belegexemplare meines Buches „Die Unschuld der Maschinen“ angekommen, d.h. nun ist auch die Druckversion käuflich zu erwerben (im Springershop schon jetzt, bei Amazon Mitte bis Ende nächster Woche; das E-Book gibt es schon seit knapp 2 Monaten).

Zur Position des Menschen im Über-Strom

Über/Strom

Es gibt zwei prinzipielle Weisen, wie wir in der „nächsten Computergesellschaft“ (die Stufe nach der von Dirk Baecker für heute beschriebener Computergesellschaft oder „nächster Gesellschaft“) oder eben: im Über-Strom leben und zu den technischen Systemen stehen können bzw. wie diese Gesellschaft gestaltet sein kann.

ENTWEDER:

Computer, KI-Systeme usw. werden weiter „zur zweiten Natur“, wie Luhmann für Technik allgemein sagte:

  • der Trend zur Geschlossenheit setzt sich fort, zur scheinbaren (vorgespielten) Einfachheit, zur Unscheinbarkeit, zur Uneinsehbarkeit der black box, zum Versteckspiel.
  • Die Nicht-Trivialität der meisten technischen Systeme wird weiterhin von „Trivialisierungsspezialisten“ (Heinz von Foerster, 1993) verschleiert. Der umgedrehte Transparenzbegriff der Informatik, nach dem oft gerade die Vorgänge als transparent bezeichnet werden, die Nutzer*innen nicht sehen, wird als Ideal angesehen und daher ins Extrem getrieben: Auch die Entwicklung, inkl. Design und Test, neuer Technik findet automatisiert und unsichtbar statt.
  • Die Folge ist ein quasi-schamanistisches Verhältnis einer neuen Stammesgesellschaft zur Technik, wie es…

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