Dirk Baecker: „KI im Kontext“ und „Virtuelle Intelligenz“

Dirk Baecker hat mal wieder zwei Vortrags-Manuskripte als PDF in seinem Blog verfügbar gemacht (und ich wünschte, er hätte das ein Jahr früher geschrieben…)

Das eine heißt „Künstliche Intelligenz im Kontext“ und ordnet KI-Systeme (insbesondere ’schwache KI‘, d.h. Systeme, die etwa Machine Learning nutzen, um große Datenmengen auszuwerten) vor einem systemtheoretischen Hintergrund ein.

Das andere Manuskript trägt den Titel „Virtuelle Intelligenz“ und geht über KI-Systeme hinaus. In dieser „Begriffsübung“ (seine Worte) erweitert Baecker den meist computertechnisch gedachten Begriff der „Virtualität“ (als Zugriff auf extern gespeicherte oder in Netzwerken adressierbare Inhalte) zum grundlegenden Kern von Intelligenz überhaupt.

Immerzu viel zu schreiben

Letzte Woche habe ich meine hoffentlich allerletzten Korrekturen für „Die Unschuld der Maschinen“ abgeschickt, sodass der Erscheinungstermin Mai wohl auch schaffbar sein dürfte. Ein paar Querverweise zwischen den Kapiteln waren falsch, die Abbildungen habe ich alle nochmal neu gemacht, und ein paar andere Kleinigkeiten. Ich hoffe, dass nun alles passt.

Erfreulicherweise kann ich auch 2019 wieder viele Texte schreiben, von denen zwei besonders spannend sind:

  • Vertrauen in komplexe Technik ist das Hauptthema des Sachbuches „Die Unschuld der Maschinen“ (erscheint Mai 2019 bei Springer) sowie Teil meiner 2016 in Buchform veröffentlichten Doktorarbeit „Offenbar weigert sich Facebook, mir darauf eine Antwort zu geben“. Das greife ich nun noch ein drittes Mal auf, diesmal in einem Fachbuch. Das neue Buch richtet sich insbesondere an Entwickler von Technik. Man kann darin lernen, die kommunikativen Prozesse von Entwicklungsprozessen systematisch zu reflektieren und Technik im Gebrauch kommunikationsanalytisch auszuwerten — beides natürlich mit dem Ziel der „Optimierung“ (obwohl „Optimierung von Kommunikation“ eigentlich etwas ist, das aus mancher kommunikationssoziologischen Sicht weder möglich noch erwünscht ist). Im Prinzip bereite ich für das Buch das Analyseverfahren aus meiner Doktorarbeit und das in meinem Sachbuch angedeutete Kommunikationsmodell praxisnah auf und kombiniere beides mit einigen weiteren Ergebnissen, die ich zur Evaluation von Softwarenutzung gewonnen habe. Das Manuskript muss ich Ende Juni abgeben. Damit habe ich dann sozusagen meine Triologie zur Techniknutzung erstmal abgeschlossen — Doktorarbeit, Sachbuch und Fachbuch.
  • Die französische Firma Aerobask entwickelt Addon-Flugzeuge für den X-Plane-Flugsimulator. Für Aerobask habe ich schon in der Vergangenheit oft Handbücher geschrieben, zuletzt für die neue Version der Epic E1000. Das waren aber immer so 20 bis 30 Seiten. Das neue Aerobask-Projekt sieht da ganz anders aus. Mit offizieller Unterstützung des französischen Flugzeugbauers Dassault Aviation entwickelt Aerobask eine Simulation der Falcon 8X (ein äußerst schicker Business Jet). Das Programm soll Ende 2019, Anfang 2020 herauskommen und da das Flugzeug wesentlich komplexer ist als bisherige Aerobask-Produkte, wird auch das Handbuch wesentlich detaillierter sein. Und ich darf es schreiben. 😀

Daneben gibt es viele kleinere Schreibaufgaben. Artikel für das FS MAGAZIN, kleinere Handbücher für vFlyteAir und SkunkCrafts, evtl. mal wieder ein kurzer Artikel für das Air Facts Journal …

Also viel zu tun neben der sonstigen Arbeit. 🙂

737

Das gerade viel diskutierte Problem mit der aktuellsten Version der Boeing 737 ist ein geradezu typisches Beispiel, wie Vertrauen in Technik nicht nur mit Technik selbst, sondern auch Kommunikation zu tun hat — zwischen

  • Entwicklern im weitesten Sinne (Designern, Ingenieuren, Programmierern, Handbuchautoren, usw.) und direkten Nutzern (Piloten)
  • Technik (Flugzeug und dessen Assistenzsysteme) und Nutzern
  • Betroffene gesellschaftliche Teilsysteme (u.a. Medien, Wirtschaft, Politik — siehe die Diskussionen um das Grounding).

Besonders traurig ist natürlich, dass im Fall des Versagens vor allem zahlreiche komplett machtlose Menschen betroffen sind – die Passagiere und deren Angehörige. Das ist bei Katastrophen mit so komplexen technischen Systemen immer so, aber eben immer wieder schlimm.

Hätte „bessere“ Kommunikation (transparenter, offener, ausführlicher, was auch immer) auf den Ebenen Entwicklung/Nutzung und Technik/Nutzung helfen können?

In Bezug auf das eventuell (mit-?)ursächliche MCAS-System (das das Flugzeug nach unten trimmt, wenn es anhand Sensordaten glaubt, dies wäre nötig) ist auch die Frage, welche Anschlussmöglichkeiten den Piloten in der kritischen Situation wirklich zur Verfügung stehen. In einigen Artikeln im Web wird gesagt, dass (1) das System abgeschaltet werden kann, wenn man die Landeklappen ausfährt (aber dass das während des Steigflugs wohl verhindert wird), und dass (2) Piloten bei fälschlicher automatischer Trimmung nach unten nur das tun müssten, was sie in solchen Fällen seit Jahrzehnten tun würden (so ein Kommentar im Air Facts Journal, der provokant fragt, ob denn Boeing den Piloten trauen könne). Aber ist das so?

Es gibt derzeit nur Vermutungen.

Und eine wachsende Vertrauenskrise.

Zumindest die könnte durch mehr Transparenz eingedämmt werden.

„Roboter gehören zur Schöpfung“

Im Deutschlandfunk war ein sehr interessantes und detailliertes Interview mit dem Theologen und KI-Forscher Lukas Brand: https://www.deutschlandfunk.de/kuenstliche-intelligenz-roboter-gehoeren-zur-schoepfung.886.de.html?dram:article_id=440297 Brand hat vor kurzem das Buch „Künstliche Tugend“ veröffentlicht (und in meinem im Mai erscheinenden Buch „Die Unschuld der Maschinen“ ist er auch mit einem sehr lesenswerten Interview vertreten).

Neues Buch von Dirk Baecker: 4.0

Der Soziologe und Kulturwissenschaftler Dirk Baecker hat schon in der Vergangenheit über die „Computergesellschaft“ oder allgemeiner „die nächste Gesellschaft“ geschrieben. Baeckers Beobachtungen und Thesen (unbedingt lesen!) gründen auf einer systemtheoretischen Tradition in der Nachfolge Niklas Luhmanns. Für meine Doktorarbeit waren sie wichtiger Hintergrund, und auch in meinem kommenden Buchprojekt „Technik vertrauen“ gehe ich darauf ein. Nun hat Baecker ein neues Buch veröffentlicht, das den vielversprechenden Titel „4.0, oder Die Lücke, die der Rechner lässt“ trägt. In seinem Blog postet Baecker eine Inhaltsangabe.

Coming Soon™: Technik vertrauen

Ich habe mich ja in meiner Dissertation und auch später damit beschäftigt, wie Menschen Technik verwenden — wie sie bei Problemen zurechtkommen und wie sie Nutzungssituationen wahrnehmen. Nun geht es bald weiter damit. Ein wichtiger Aspekt der Techniknutzung ist das Vertrauen in Technik: Wird meine EC-Karte im Supermarkt vom Lesegerät erkannt oder stehe ich wegen Kratzern am Chip auf der Karte auf einmal „ohne Geld“ da? Kann ich darauf vertrauen, dass der Motor des Flugzeugs, in dem ich meine Flugstunden nehme, nicht kurz nach dem Start ausfällt? Kann ich dem Internet-Provider vertrauen, mir eine stabile Leitung zu liefern? Und dessen Hotline, dass sie ehrlich zu mir sind?

Und weil das wegen DSGVO gerade so aktuell ist: Kann ich dem Anbieter, bei dem ich mein Blog habe, vertrauen, sich an seine Datenschutz-Grundsätze zu halten und dass diese DSGVO-kompatibel sind?

Man merkt an den Beispielen, dass Vertrauen in Technik ganz viele Ebenen umfasst. Vertrauen in konkrete technische Produkte, Vertrauen in Verfahren und Prozesse, Vertrauen in Menschen. Ohne Vertrauen ist Techniknutzung nicht möglich. Aber wie kann so ein Vertrauen im Alltag aufgebaut, gerechtfertigt und ggf. wiederhergestellt werden? Darüber denke ich seit einer ganzen Weile nach, und die Erfahrungen in meinem „normalen“ Job bei einem Kommunikationsdienstleister tragen dazu nicht gerade wenig bei.

In den letzten Wochen hat sich die Möglichkeit ergeben, das Thema „Technik vertrauen“ als Buch bei Springer Science+Business Media unterzubringen (ja, es gibt auch andere Verlage ähnlichen Namens). Nachdem nun alles offiziell ist und ich auch das „ok“ meiner Lektorin dafür habe, dass ich darüber in meinem Blog berichten darf, tue ich das hiermit mal. Also, ‚bald‘ (ich denke mal irgendwann 2019) erscheint von mir ein neues Buch, mit dem Arbeitstitel „Technik vertrauen“.

Ich freue mich sehr. Denn das Schöne ist, dass ich in dem Buch nicht nur die Gelegenheit habe, die Ergebnisse meiner Dissertation aufzugreifen, sondern vor allem, daraus ganz praktische Folgen für den Alltag aufzuzeigen. Bei dem neuen Buch arbeite ich auch wissenschaftlich, kann aber die Darstellung viel freier gestalten. Unter anderem kann ich die LeserInnen direkt ansprechen oder durch kleine Gedankenexperimente einbinden. Ich kann allgemeinverständlicher schreiben und stärker mit Alltagsbeispielen arbeiten.

Diese Art zu schreiben ist in bestimmten Punkten eine neue Herausforderung für mich, aber doch das, was ich schon lange machen wollte. Ich werde darüber jedenfalls in der nächsten Zeit noch öfter berichten.

Pieksen Sie den Router! (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung zu: https://mdonick.com/2017/10/17/pieksen-sie-den-router-sie-fuehlen-sich-danach-besser/

V Verstehen

(1) Wenn ein Gerät kaputt zu sein scheint (und außer bei offensichtlichen Schäden oder Fehlverhalten ist das oft nur eine Annahme, die von Lebenserfahrung und sozialen Faktoren gestützt wird) — wenn also bei einem „Defekt“ einem der nette Hotline-Mitarbeiter einen Austausch anbietet, fühlt sich das zunächst beruhigend an. Die simple Hoffnung ist, dass ja nur selten gleich zwei Geräte denselben Fehler aufweisen; die Hoffnung selbst hilft bereits, den unangenehmen Druck des Nicht-Funktionierens auszuhalten.

(2) Doch wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn auch beim Tauschgerät das Problem nicht behoben ist! Da stellt man dann fest, dass der Austausch doch bloß eine Verdrängung des Problems war, keine Lösung (siehe Rainer Kuhlens Kategorien in Abschnitt III). Erkennt man, dass ein technisches Problem durch einfache Maßnahmen nur verdrängt, aber nicht gelöst wurde, folgt oft Verweigerung: Man hat keine Lust mehr, man ist frustriert, man will sein Geld zurück, usw. Man wechselt das Produkt, geht etwa von Word zu LibreOffice, vom PC zum Mac, von der Telekom zu Vodafone, von der PlayStation zur X-Box, von X-Plane zu Prepar3D, usw. nur um auch dort irgendwann technischen Problemen gegenübersteht, die man nicht lösen kann.

(3) Die bittere Wahrheit ist: Selbst wenn Technik als „einfach“ und quasi gedankenlos nutzbar beworben wird — sie ist es nicht, oder nur solange, wie es zu keinen Problemen kommt. Leider kommt es immer irgendwann zu Problemen, denn nicht jede potenzielle Nutzungssituation und Nutzererwartung ist bei der Entwicklung von Technik vorhersehbar. Wenn man aber dauerndes Verdrängen oder Verweigern nicht als sinnvolle Möglichkeit ansieht, dann muss man Technologie verstehen lernen. Das ist der einzige Weg, dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber technischen Problemen, des Ausgeliefertseins gegenüber Herstellern und Hotlines, entgegenzutreten.

(4) Technologie verstehen — wie soll das gehen, wenn, wie in Abschnitt II beschrieben, selbst die Entwickler ihre Produkte nicht mehr vollständig überblicken können? Hier ist der Unterschied wichtig: Konkrete Technik, also das einzelne sachtechnische Artefakt, kann man nur soweit verstehen, wie man Eingriffsmöglichkeiten hat und über diese informiert ist (oft kann man ja mehr machen, als man ahnt). Doch Technologie, die Technik zwar zugrunde liegt, aber auch eine Reflexionsform zu Technik ist, kann man sehr wohl verstehen lernen.

(5) Das klingt nach Studium, aber in der Praxis umfasst das ganz einfache Verhaltensweisen, die man im technischen Support auch immer wieder empfiehlt, die aber gerade frustrierte Nutzer nur ungern umsetzen möchten — sei es aus Angst, etwas falsch zu machen; sei aus Trotz, weil man nicht einsehen will, dass man selbst Verantwortung trägt, wenn man Technik nutzt; oder sei aus der trotz allem vorhandenen Überzeugung, die Fehlerursache zu kennen.

Ein ausgedachtes, aber doch typisches Beispiel: „Mein WLAN bricht immer ab. Mein Handy verliert die Verbindung zum Router.“ Hm, probieren Sie doch mal, den Router woanders hinzustellen. „Das geht aber nicht!! Der steht hinter dem Sofa, damit man die Lampen nicht sieht!“ Aha. Die Lampen sind aber … egal. Gut, dann versuchen wir eben, ein paar Einstellungen im Router zu verändern. „Das kann ich nicht.“ Doch, können Sie. Wir machen das zusammen. „Für sowas habe ich keine Zeit. Ich erwarte, dass Sie mir jemanden schicken, der die Leitung prüft. An dem Verteilerkasten vor dem Haus war neulich ein Techniker, seitdem bricht das WLAN am Handy immer ab.“ Aber WLAN-Abbrüche haben nichts mit der Leitung zu tun. „Doch.“ *seufz* Fehlt nur noch das „WLAN-Kabel“ …

(6) Beispiele wie dieses könnte man hundertfach konstruieren, für jedes Feld, in dem Menschen Technik nutzen, die sie nicht verstehen. In dem Beispiel betrifft das Verständnisproblem mehrere Dinge: (a) Was ist WLAN? (b) Was kann man von WLAN erwarten? (c) Wie kann man dafür sorgen, dass die Erwartung erfüllt wird? Diese drei Punkte zu klären, betrifft vor allem das Feld Technologie und nur zum Schluss die konkrete Sachtechnik. Verallgemeinert: (a) Was ist diese Technologie? (b) Was kann man von dieser Technologie erwarten? (c) Wie kann meine konkrete Sachtechnik ‚zu Hause‘ diese Erwartung erfüllen?

(7) Anders als bei mancher Sachtechnik sind die zum Verständnis von Technologien nötigen Informationen meist umfassend vorhanden. Handbücher, Hilfeportale im Internet, Zeitschriftenartikel, das alles gibt es. Doch die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen, muss vorhanden sein. Hat man erkannt, dass man selbst Verantwortung trägt, dann hat man einen Ansatzpunkt, auch geschlossene technische Artefakte bewusster zu verwenden. Und womöglich festzustellen: So geschlossen, wie sie einem erscheint, ist die Technik vielleicht gar nicht. Oder so kaputt, wie man erst dachte.

Fortsetzung folgt.

De-Digitalisierung

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Das Foto da oben (Ostsee bei Kühlungsborn) hab ich Anfang des Jahres mit meinem Handy (Galaxy S7) aufgenommen. Weil die fotografierten Objekte ziemlich nah an der Kamera waren, ist die Bildqualität auch ganz ‚gut‘ (d.h. recht scharf, Kleinigkeiten wie die Steinchen im Sand sind gut zu erkennen, usw.). Es ist kein besonderes Bild, sondern ein normaler Urlaubsschnappschuss, bei dem man bei normaler Betrachtung guten Gewissens behaupten kann, dass ‚es‘ so eben ausgesehen hat und bei dem man nicht sofort über die digitale Entstehungsweise nachdenkt. Das ist anders als bei Selfies oder anderen Personenaufnahmen, bei denen man z.B. an Augen und Hautbild sofort digitale Einflüsse erkennen kann, ob nun bewusst Filter angewendet wurden oder nicht.

In ihrer (auch sonst lesens- und sehenswerten) Abschlussarbeit „Ästhetik der Zensur“ weist Marion Kliesch darauf hin, dass jedes digitale Foto Produkt elektronischer Verarbeitung ist. Was man am Ende auf Smartphone oder PC sieht, ist in der Regel nicht das ‚reine‘ Abbild der ‚Welt‘ auf dem Bildsensor, sondern wurde bereits durch diverse Algorithmen verarbeitet (schön zusammengefasst hier). Um unbearbeitete Rohdaten zu erhalten (RAW-Format) muss man in der Kamera-App des Handys die „Pro“-Funktion aktivieren. Das ist recht ironisch. Ich will ja nur sehen, wie das Foto ‚an sich‘ aussieht, wie es durch die physischen Eigenschaften von Linse und Sensor erzeugt wird, bevor es aufbereitet wird — sozusagen so, wie ich auch früher laienhaft Fotos geknipst habe und selbst Schuld war, wenn das Bild verwackelt, zu dunkel, oder sonstwas war.

Es ist ziemlich strange, dass man sich heute der Kamera gegenüber als Profi ausgeben muss, wenn man echt laienhafte Ergebnisse haben will. Es wäre wohl einfacher, sich zu de-digitialisieren und eine analoge Kamera zu nutzen.