Musik ist der Strom durch die Zeit

Manchmal benutze ich meine Computer nicht zum Schreiben, Flüge simulieren und Spielen, sondern zum Musikmachen (wofür ich in der Regel Propellerhead Reason und das M-Audio Oxygen 25 verwende). Weil ich zum Musikmachen weder besonderes Talent noch systematisches Wissen habe, kann man davon 80% „in die Tonne kloppen“, wie es so schön heißt. Ab und zu bleiben aber Fragmente übrig, die zumindest die Atmosphäre, die ich zum Zeitpunkt des Musikmachens gespürt habe, ganz treffend ausdrücken, und manchmal ist ein Fragment so lang und strukturiert, dass man es als „Lied“ bezeichnen kann. mnblck040-solfall-shinpaku-cover

Wenn genug solcher Fragmente zusammengekommen sind, stelle ich sie unter dem Namen „solfall“ ins Internet (das Foto rechts zeigt mein letztes Album, „shinpaku“, aus dem Jahr 2011; shinkapu ist Japanisch und heißt wohl sowas wie Herzschlag). Dort führen die Tracks ein tristes unbeachtetes Dasein und haben allein die Funktion, mich meiner Vergangenheit zu versichern.

Dies tun sie immer dann, wenn ich sie mir selbst anhöre. Sie sind wie akustische Tagebucheinträge, die keine konkreten Ereignisse berichten, sondern die Stimmung, die ich an einem Tag oder in einer Jahreszeit gespürt habe und die ich mittels der Musik festhalten wollte. Wenn ich mir die Tracks später nochmal anhöre, versetze ich mich in die damalige Zeit zurück und kann Ansätze der damaligen Atmosphäre und meiner Wahrnehmung dieser Atmosphäre greifen — also ein Stück von mir selbst. Das ist melancholisch und schön — und führt in der Regel dazu, dass ich neue Fragmente produziere, so auch heute:

 

mnblck021-solfall-herbstwelt_mnblck_edition_CD_coverDiesen kurzen Clip habe ich „L’éclat“ genannt (Französisch für Glanz, aber auch Splitter oder Scherbe). Er ist in den letzten paar Tagen entstanden. Er ist tatsächlich das erste Fragment aus den letzten sieben Jahren, mit dem ich leben kann und ich frage mich, ob das daran liegt, dass er stilistisch zu „shinpaku“ und zum noch älteren „Herbstwelt“ (2007/2009) passt. Mir fällt auf, dass ich bestimmte Stimmungen immer wieder benutze (und dass ich v.a. im nahenden Frühling oder im ausklingenden Sommer Musik mache). „L’éclat“ kann man gut nach den Tracks „end of august“ (2007) und „tegami“ (2011) hören und hat damit drei paradigmatische Schlaglichter darauf, wie ich mich zu den jeweiligen Zeiten gefühlt habe oder fühle — mit einer immer vorhandenen Melancholie, allerdings (was mir auch auffällt) immer mehr Tendenz zum Optimismus (einige der Tracks auf „Herbstwelt“ sind noch fast EBM-mäßig dunkel).

Quasi losgelöst vom Alltag (wechselnde Jobs und Tätigkeiten, wechselnde Wohnorte, usw.) muss ich damit wohl feststellen, dass ich mich innerlich kaum verändert habe. Musik ist wie ein roter Faden oder wie ein Strom, der mich durch die Jahre getragen hat (und das gilt natürlich auch für das Hören anderer Musik).

Life on Mars

Es gibt so Lieder, die für einen selbst auf mehreren Ebenen wichtig sind. David Bowies „Life on Mars“ ist so eines. Gestern war es während des Testflugs der Falcon Heavy von SpaceX zu hören, als die Nutzlastabdeckung abgeworfen wurde. Hier war der Bezug rein oberflächlich auf den Namen bezogen, ohne die anderen Ebenen des Liedes zu beachten. Trotzdem war es toll anzusehen, immerhin mag ich Raumfahrt.

Aber vor ein paar Jahren hörte ich das Lied das erste Mal, als meine Frau und ich die britische Fernsehserie „Life on Mars“ schauten. Zu der Zeit lag gerade der Papa meiner Frau im Koma und wer die Serie (und das Sequel „Ashes to Ashes“) kennt, weiß, wieso es damals ziemlich traurig, surreal und absurderweise hoffnungsvoll zugleich war, diese Serie zu schauen.

Heute schließlich stieß ich erneut auf das Lied, beim Googeln nach der Schauspielerin Cristin Milioti (die „Mutter“ aus „How I Met Your Mother“). Ich stellte fest, dass Milioti eine Rolle in David Bowies Musical „Lazarus“ (noch kurz vor seinem Tod aufgeführt) hatte (in der ursprünglichen New Yorker Aufführung), und „Life on Mars“ kommt in dem Musical ebenfalls vor. Die von der New Yorker Besetzung gesungenen Songs gibt es übrigens alle auf CD, Vinyl oder als MP3 zu kaufen, was sich sehr lohnt. Jedenfalls … macht das alles sehr melancholisch.

Popkulturmelancholie.