Fünf

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Es gibt ja so Bücher, die einen das ganze Leben über begleiten. Wenn ich vor dem Bücherregal stehe, fällt mein Blick oft zuerst auf diese. Hier sind ein paar Zitate:

Ethan, die begreifen das nicht. Die anderen in meiner Klasse. Man hält mich für eine Faschistin, weil ich Software-Aufbereitungen benutzen will, um Realitäts/Virtualitäts-Überlagerungen zu erzeugen. ‚Mechanistisch, seelenlos, völlig unbedeutend für den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, in dem der Mensch doch in einem Universum der Quantenunschärfe gefangen ist‘, sagen sie.

(Ian McDonald, Schere schneidet Papier wickelt Stein)

„Diplomatie ist die Kunst des Möglichen“, fügte Dr. Tagore hinzu. „Sagte ich das bereits?“ „Ja.“ „Aber nicht die Kunst des Notwendigen. Und daraus folgt: Warum müssen so viele sterben, obgleich es Alternativen zum Tod gibt?“ Dr. Tagore starrte an Krenn vorbei, und Tränen glänzten in seinen Augen.

(John M. Ford, Der letzte Schachzug)

In manchem seien ja die Beamten wie Kinder.

(Franz Kafka, Der Prozeß)

„Die alten Kirschbäume dort … Die Blüte ist schon vorüber, aber weißt du, ich möchte so gerne die Nordbergzedern sehen. Es ist ja nicht weit von Takao. Immer wenn ich sehe, wie gerade und schön sie aufragen, fühle ich mich wie neu geboren. Geh doch mit bis zu den Zedern! An den Nordbergzedern liegt mir viel mehr als am Ahornlaub.“

(Yasunari Kawabata, Kyoto)

„Schau sie dir gut an, Alvin“, sagte er. „Es mag die letzte sein, die man auf Erden zu Gesicht bekommt. Ich habe in meinem Leben außer dieser nur eine gesehen, und in alter Zeit soll der Himmel voll von ihnen gewesen sein.“ Stumm beobachteten sie, und mit ihnen die Tausende auf den Straßen und in den Turmhäusern von Diaspar, bis sich die letzte Wolke aufgelöst hatte, ausgesogen von der heißen, ausgedörrten Luft der Wüste.

(Arthur C. Clarke, Diesseits der Dämmerung)

Konflikt und Krisis

Heute ist nun, etwas später als geplant, Teil drei meiner „Head Canon“-Essayreihe erschienen. Darin fasse ich am Beispiel der New York Times und der Tagesschau einige Beobachtungen zur heute häufigen Kritik an Massenmedien (und deren Reaktionen darauf) zusammen:

In massenmedialen Nachrichtenbeiträgen, Reportagen und Kommentaren werden erstens konkrete Ereignisse erzählt und zweitens übergreifende Narrative erschaffen, fortgeschrieben oder in Frage gestellt. Dies kommt im Klischee des „rasenden Reporters“ zum Ausdruck, der seiner „Story“ nachjagt. Manchmal stellen sich diese Geschichten als ungenau, falsch oder einfach nicht zu den Erwartungen der Rezipienten passend heraus, was zu Kritik und dann Rechtfertigung und Erklärung führen mag. Besonders prägnant lässt sich das an großen politischen Konfliktlinien beobachten, wo den Medien mitunter nur ein unbewusstes Richten nach einem Mainstream vorgeworfen wird, manchmal aber auch bewusstes Verschleiern und eindeutiges Lügen, um irgendwelchen politischen Interessen zu dienen.

Hier geht’s zum Artikel: https://www.heise.de/tp/features/Konflikt-und-Krisis-Partizipativer-Umgang-mit-Massenmedien-3959451.html

Edit: Aber scheinbar ist bei der Veröffentlichung irgendwas durcheinander geraten, der Schluss fehlt. Das kläre ich gerade…

Edit 2: Jetzt ist es vollständig. ^^

Im folgenden vierten Teil beginne ich damit, solche Medienereignisse in ihrer leiblichen Wirkung (im phänomenologischen Sinne) zu betrachten.

Life on Mars

Es gibt so Lieder, die für einen selbst auf mehreren Ebenen wichtig sind. David Bowies „Life on Mars“ ist so eines. Gestern war es während des Testflugs der Falcon Heavy von SpaceX zu hören, als die Nutzlastabdeckung abgeworfen wurde. Hier war der Bezug rein oberflächlich auf den Namen bezogen, ohne die anderen Ebenen des Liedes zu beachten. Trotzdem war es toll anzusehen, immerhin mag ich Raumfahrt.

Aber vor ein paar Jahren hörte ich das Lied das erste Mal, als meine Frau und ich die britische Fernsehserie „Life on Mars“ schauten. Zu der Zeit lag gerade der Papa meiner Frau im Koma und wer die Serie (und das Sequel „Ashes to Ashes“) kennt, weiß, wieso es damals ziemlich traurig, surreal und absurderweise hoffnungsvoll zugleich war, diese Serie zu schauen.

Heute schließlich stieß ich erneut auf das Lied, beim Googeln nach der Schauspielerin Cristin Milioti (die „Mutter“ aus „How I Met Your Mother“). Ich stellte fest, dass Milioti eine Rolle in David Bowies Musical „Lazarus“ (noch kurz vor seinem Tod aufgeführt) hatte (in der ursprünglichen New Yorker Aufführung), und „Life on Mars“ kommt in dem Musical ebenfalls vor. Die von der New Yorker Besetzung gesungenen Songs gibt es übrigens alle auf CD, Vinyl oder als MP3 zu kaufen, was sich sehr lohnt. Jedenfalls … macht das alles sehr melancholisch.

Popkulturmelancholie.

Star Trek Discovery, Spiele und Flugsimulation

Ein paar Updates im Bereich Schreiben und Forschen:

  1. Seit gestern ist der zweite Teil (bzw. das erste „richtige“ Kapitel) meines „Head Canon“-Essays online: https://www.heise.de/tp/features/Sie-haben-uns-angelogen-3893458.html In dem Teil nutze ich das Beispiel Star Trek Discovery und das gute alte „Kulturelle Gedächtnis“ (J. Assmann), um das Problem der Kanonizität und den Begriff Head Canon genauer zu bestimmen. Das ist vorbereitend für das dritte Kapitel, in dem ich endlich auf nicht-fiktionale Medien zu sprechen komme — ja der Kern des ganzen Essay-Projekts. Gerade prokrastiniere sitze ich fleißig an der Überarbeitung dieses Kapitels, damit der hoffentlich bald erscheint und ich mich dann Kapitel vier widmen kann, mit dem schönen Titel „New York Times lesen in Magdeburg“. Darauf freue ich mich schon besonders, denn da kann ich auch meine Zuneigung zu (a) der einen Stadt (Magdeburg) bzw. (b) zu medialen Bildern der anderen Stadt (New York) ausleben.
  2. Wie schon angekündigt, ist seit ein paar Tagen auch der Call for Papers für die HiStories IV veröffentlicht: http://histories-rostock.blogspot.de/2017/11/histories-iv-16-17082018-call-for.html Unsere Tagung zu „Zukunftsbildern im Spiel“ findet am 16./17.08.2018 an der Universität Rostock statt. Einreichungsfrist für Abstracts ist der 15.02.2018.

Außerdem: Ich werde in diesem Blog von nun an auch auf meine flugsimulatorischen Aktivitäten mit X-Plane eingehen. Ich hatte bis vor kurzem ein X-Plane-Blog, in dem ich teilweise auch längere englischsprachige Artikel geschrieben habe, aber mir fehlt die Zeit, das als eigenständiges Projekt aufrecht zu erhalten. Daher landen dann auch Sachen wie die folgende hier:

  1. Für vFlyteAir schreibe ich gerade mal wieder ein Nutzerhandbuch, für die neue Version 5 der Piper Arrow III. Die enthält auch das Aspen EFD1000 als Avionik, das ich damals für die Piper Cherokee erstellt hatte. Im FS MAGAZIN ist seit dem letzten Heft übrigens eine Artikel-Serie von mir drin, in der ich die Grundlagen solcher Avionik-Erstellung für X-Plane erkläre.
  2. Außerdem setzen wir gerade ein Modell der Comco-Ikarus C42 C um, das ist ein Ultraleichtflugzeug, auf dem ich seit einer Weile Flugstunden nehme. Das wird zunächst ein normales X-Plane-Modell, aber wenn die Basisversion fertig ist, werden wir es nutzen, um Ideen für die Nutzung Virtueller Realität für die Pilotenausbildung im Ultraleicht-Bereich zu testen. Ziel ist ein ‚wirklich‘ auf die Erfordernisse solcher Szenarien angepasstes Modell. Auf dem VR/AR-Workshop im Rahmen der diesjährigen DeLFI-Konferenz hatte ich darüber schon mal gesprochen. (Und da schließt sich dann doch der Kreis zum Rest dieses Blogs.)

Tagung: Zukunftsbilder im Spiel, 16.-17.8.2018

Wie wird Zukunft in Computerspielen antizipiert? Welche früher vorweggenommenen gesellschaftlichen, biologischen und technischen Phänomene sind mittlerweile Realität? Und welche Erzähl-, Gameplay- und Darstellungsformen sind künftig zu erwarten, etwa mit Virtual Reality, Augmented Reality und intelligent wirkenden Begleitern (Agenten)? Dazu führen wir (Christian Klager vom Institut für Philosophie der Uni Rostock und ich, Mario Donick) vom 16. bis 17. August 2018 die dann schon 4. HiStories-Tagung zu Computerspielen durch.

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Von Spielern als Modifikation erstellte virtuelle Begleiter in Spielen wie hier „Prof. Benjamin Doon“ (Skyrim) sind ein aktiver narrativer Umgang mit dem Gegebenen, der schon heute unerwartete Situationen emergieren lässt. Wie könnte sich das künftig weiterentwickeln?

Der Call for Papers wird gerade fertiggestellt und sollte bald online sein.

Headcanon

Hier mal ein provisorischer Textauszug aus meiner Einleitung meines momentanen work-in-progress-Textes, der mal „New York Times lesen in Magdeburg“ heißen sollte, aber nun den Titel „Headcanon – das epikritische Zeitalter“ trägt:

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir einem permanenten Dauerfeuer aus multiperspektivischen Eindrücken ausgesetzt sind, bei denen nicht nur Interpretationen subjektiv sind, sondern Seinsaussagen selbst je nach Standpunkt wahr oder falsch sind – Fakten und Alternative Facts. Um dieses Phänomen zu benennen, benutze ich den aus der Popkultur bekannten Begriff des Headcanon (Kopf-Kanon).

Der Begriff wird mitunter von Fans fiktiver Kosmen von Fernsehserien, Filmen, Büchern und Computerspielen benutzt. Der Kopf-Kanon erweitert oder widerspricht der offiziellen Darstellung. Dumbledore aus „Harry Potter“ mag im offiziellen Kanon tot sein, aber das hindert Fans nicht daran, ausführlich alternative Theorien zu diskutieren und angebliche Fakten zusammenzutragen, die ihre Ideen untermauern – ein kreatives und durchaus spaßiges Spiel. Mit dem Label Headcanon versehen, vermeiden diese Fans langwierige Konflikte darum, dass so etwas dem offiziellen Kanon widerspricht, nach dem Prinzip: ‚Okay, das ist ja nur dein Headcanon, also ist es in Ordnung, dass du behauptest, Dumbledore lebe noch‘. (Eine Computerspielserie, bei denen die Spielentwickler sogar zum Schaffen individuellen Headcanons aufrufen, ist The Elder Scrolls.) Headcanon liefert Kontext, vor dem eine Aussage zur Welt wahr oder falsch sein kann. So kann jeder seinen eigenen Headcanon haben und individuell entscheiden, was zur Welt dazugehört und was nicht.

Das mitunter Bestürzende der letzten Monate allerdings ist die Beobachtung, dass immer mehr ‚echte‘ Wirklichkeit nach dem Prinzip des Headcanon zurechtgerückt wird, teils von mächtigen Akteuren (bekanntestes Beispiel: Donald Trump; Trump-Anhänger wiederum würden als Beispiel die traditionellen Medien nennen). Für traditionelle Medien ist immer noch überraschend, dass das jeweilige Ergebnis von vielen Menschen als ‚wahr‘ akzeptiert wird, und so deuten sie auf die Fehler oder korrigieren diese (fact checking). Doch gerade weil so viele Experten, also Journalisten, Medienwissenschaftler, Soziologen u.ä., auf den ‚fake‘-Charakter von ‚alternative facts‘ hinweisen, werden die ‚alternative facts‘ geglaubt, denn Experten (die negativ als Eliten wahrgenommen werden) wird zunehmend misstraut. Mein Eindruck etwa ist, dass Journalisten wie feuilletonistische Film- oder Literaturkritiker wahrgenommen werden. Nach dem Prinzip: Wenn SPIEGEL online einen Film schlecht findet, dann muss der Film ja gut sein (und umgekehrt). Mein Eindruck ist, dass der Umgang mit etablierten Medien zurzeit ähnlich funktioniert.

(Der vorige Titel mit der New York Times in Magdeburg bleibt als Kapitelüberschrift bestehen.)

Zeitung lesen

Gerade sprachen meine Frau und ich über einen Interviewauszug, in dem Michel Foucault 1975 einer französischen Zeitung, die es scheinbar nicht mehr gibt, beschrieb, wie er Zeitung las. Foucault sagte:

„Oh, puh, wissen Sie, ich glaube, meine Lektüre ist sehr banal. Meine Lektüre beginnt beim Kleinsten, Alltäglichsten. Ich schaue auf die im Ausbrechen begriffene Krise und dann drehe ich meine Runden um die großen Kerne, die großen, ein wenig ewigkeitlichen, ein wenig theoretischen Zonen, ohne Tag und ohne Datum.“

Vom Alltag zum Überzeitlichen. Meiner Frau würde Foucaults Zitat besser gefallen, wenn er zuerst die Traueranzeigen gelesen hätte (denn darin kommen Alltag und Zeitlosigkeit zusammen, aber wie sie gerade anmerkt, ist das nur meine Interpretation ihrer Bemerkung).

Ich mag meine Frau.

Sehr.