Zerteilt

Vorgestern Abend stieß ich auf einen schon ein paar Tage älteren Bericht in der Süddeutschen Zeitung. In dem Artikel beschreibt Johan Schloemann eine Ehe: die des politisch eher als links bekannten Kulturwissenschaftlers Helmut Lethen mit seiner, sich offenbar seit einigen Jahren als „identitär“, d.h. politisch weit rechts, verortenden Frau Caroline Sommerfeld, die pünktlich zur Frankfurter Buchmesse einen Ratgeber für Rechte herausgebracht hat, mit dem Titel: „Mit Linken leben“. Als ich den Artikel las, kam ich aus dem Staunen nicht heraus, was sich erstmal in den Niederungen des Klatsch und Tratsch äußerte, vor denen ich offenbar nicht gefeit bin: „Hast du schon gelesen, die Frau von Lethen? Da gibt es diesen SZ-Artikel…“ — „Wie, echt jetzt?“ Und man bezeugt sich gegenseitig die eigene Fassungslosigkeit.

Hat man das komische Gefühl verdrängt, dass es sich hierbei in gewisser Weise um Promi-Tratsch handelt, den die Süddeutsche Zeitung in der Öffentlichkeit breitgetreten hat, kann man etwas tiefer in sich hineinhorchen. Dann wird ein anderer Grund für das Erstaunen deutlich. Ein Merkmal des Studiums (und meiner Erfahrung nach wohl insbesondere eines geisteswissenschaftlichen Studiums) ist es, dass man nicht nur ein Fach studiert, oder ausgewählte Themen, sondern man studiert bei jemandem, und die Spuren dieser Menschen haben Einfluss auf die eigene Tätigkeit. Themenfelder, Methoden, der Stil von Vorlesungen und Seminaren, der darin genutzte Textkanon, Interpretationen dieser Werke, usw. prägen nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die eigene Identität und das Bild, das man sich von dem Fach und dem Fach in der Welt macht, sozusagen das durch die Brille des Faches betrachtete Weltbild. Dieses Weltbild verändert und erweitert sich hoffentlich im Laufe der Jahre, aber bestimmte Grundpfeiler, die zu Beginn gesetzt wurden, bleiben bestehen, und neben fachlichen Aspekten gehören auch Erinnerungen an Menschen als solche dazu. So fragt man sich dann und wann: „Was wohl die x gerade macht?“ Oder erinnert sich: „Weißt du noch, damals in der Vorlesung von dem y?“ Mitunter auch Trivialitäten des Alltags. Das sind kleine Inseln der Stabilität, über Jahre hinweg. Ganz unbewusst nimmt man dabei auch an, dass das erweiterte Netzwerk um diese Menschen herum wie selbstverständlich ebenfalls in dieses Bild hineinpasst. Wie könnte es auch anders sein?? Und dann kommt so ein Artikel und man merkt, wie naiv diese Annahme war.

Und in der Tat, natürlich kann es sein, dass sich Weltbilder so sehr unterscheiden, dass sie als „zwei unvereinbare Wahrnehmungen der Wirklichkeit“ (Sommerfeld in dem SZ-Artikel) aufeinanderprallen. Ähnliches kennt man ja von Ehepaaren, in denen Religion das unterscheidende Moment ist (wenn z.B. ein Partner sehr religiös ist, der andere gar nicht; oder wenn es Konfessionsunterschiede gibt). Oft zerbrechen solche Ehen dann, aber manchmal finden die Partner einen Weg, damit umzugehen. Manche reden einfach nicht über diese Unterschiede. Andere tun genau das. Von daher ist es erstmal bewundernswert, wenn „[Sommerfeld] und ihr Mann […] aber ‚die schmerzhafte Zerreißprobe aushalten‘ [könnten], weil sie die Ehe ‚mit all ihren verschiedenen Ebenen des Halts, der Rückversicherung, des Vertrauens, der Erfahrungen im Hintergrund haben'“ (ebd.). Dennoch muss das ziemlich anstrengend sein.

Einige Tage später hat Ijoma Mangold in der ZEIT dem von der SZ berichteten ‚Ereignis‘ einen „paradigmatischen Charakter“ zugeschrieben. Paradigmatisch für die gesellschaftlichen Prozesse, in denen sich links und rechts wieder verstärt gegenüberstehen. Auch Sommerfeld selbst bezeichnet ihre Ehe in einer Reaktion auf den SZ-Artikel als „Abbild der gegenwärtigen Polarisierung der Gesellschaft […] jeder sieht die Ideologie des anderen als Gefahr.“ In der Tat. Sie fragt ganz systemtheoretisch: „Gibt es einen Beobachter zweiter Ordnung, der entscheiden kann, wessen Wahrnehmung trügt? Gibt es Diskursregeln, die bestimmen könnten, wer recht hat?“ Soweit ist das eine legitime Fragestellung, und selbst den Vorwurf, hier und anderswo Luhmann zu ‚missbrauchen‘, kann man ihr nicht machen, denn mit der Systemtheorie kann man alle möglichen Struktur-Funktions-Verhältnisse beschreiben (mitunter wird aber der Systemtheorie selbst vorgeworfen, zu politischem Totalitarismus einzuladen, weil sie durchgängig mit abstrakten Systemen statt individuellen Subjekten arbeitet). Nicht der in sich leider durchaus stimmige Argumentationsgang rechter Intellektueller (zumindest der kompetenteren von ihnen) ist das Entscheidende, sondern es sind die zugrunde liegenden Annahmen und die praktischen Konsequenzen, die bedrohlich wirken, zumindest wenn man aus linksliberaler Sicht großen Wert auf individuelle Freiheit, kulturelle Offenheit, soziale Gerechtigkeit, Inklusion, Toleranz, Gewaltfreiheit usw. legt oder gar einer utopischen „wir sind eine Welt“-Idee anhängt.

Sommerfelds Grundannahme ist, dass es einen blinden Fleck gibt, den Linke nicht sehen: „Mit linker Utopie in Leib und Seele kann man die Migrationskrise, die Islamisierung, die Wehrlosigkeit des westlichen Männertypus usw. nicht erkennen.“ (ebd.). Sommerfelds Wunsch ist, dass wir „Täter als Täter sehen, nicht als Opfer der Welt. Und dann endlich sagen können: der Islam ist UNSER FEIND!“ (aus ihrem Blog). Den Begriff „Feind“ benutzt Sommerfeld (sich auf Carl Schmitt berufend und an Luhmanns Differenz „Macht/Ohnmacht“ anknüpfend) nicht unbedingt im Sinne eines persönlichen Feindes (dem könne man schon entgegenkommen, und ich vermute, mit dem kann man in dieser Sicht auch persönlich auskommen), sondern als politischen Feind, mit dem es keine Verständigung geben kann, denn „dann hat er schlicht und ergreifend gewonnen“ (weiterer Blogeintrag). Das ist im Wesentlichen das Weltbild, aus dem heraus Sommerfeld schreibt und agiert, und das sie in ihrem Blog und ihren Publikationen darlegt. Es gibt einen Feind, den muss man bekämpfen, aber die Linken sehen das nicht bzw. wären aufgrund der „Wehrlosigkeit des westlichen Männertypus“ dazu ohnehin nicht in der Lage. Von dieser Wahrnehmung ausgehend argumentiert sie in ihren theoretischen Texten.

Wie ihr praktisches Handeln aussieht, beschreibt sie in einem Blogeintrag aus dem Jahr 2016. Vor dem Berliner Hauptbahnhof waren Skulpturen ausgestellt, die sich gegen das Wiedererstarken der Rechten richteten. Sie wurden darin als Wölfe karikiert. Damit nicht einverstanden, unterhielt sich Sommerfeld zunächst mit zwei Anwesenden, um herauszufinden, wer die Ausstellung erlaubt hätte. „Es gibt Grenzen der Kunst“, so Sommerfeld. Das hätte auch ein Islamist über Mohammed-Karikaturen sagen können; zur Frage nach den Grenzen der Kunst gab es 2015 einen interessanten Beitrag im Deutschlandfunk. Jedenfalls hinterließ sie danach einen Eintrag auf einer bereitstehenden Tafel, auf der gefragt wurde: „Wie kann man den Hass stoppen?“ Sommerfeld schrieb: „Falsche Fragestellung! Haß ist eine anthropologische Konstante. Gruppen oder Länder mit homogenerer Zusammensetzung tendieren zu weniger ‚Hass'“ (Eintrag). Dann kam die Berliner Pegida-Variante dazu, was Sommerfeld zunächst freute. Doch dann stellte sie scheinbar ehrlich überrascht fest: „was für Fahnen die Bärgida-Leute (Karikatur: feist, tumb, kahl) spazierentrugen: rot-weiß-schwarz ist quasi das stand-in für you-know-which-flag, und die anderen waren Phantasiefahnen mit Elementen der Reichskriegsflagge!“ (ebd.). Und Sommerfeld bedauert: „Nein, nein, und nochmal nein! Entweder sind das wirklich Trotteln vor dem Herrn, die genau das bestätigen, was die Ausstellungspropagandisten voraussetzen: Rechte sind gefährliche Nazis, NPD-Hanseln, Skinheads. Oder es sind bestellte Weißbrötchen. […] Es ist so unendlich ärgerlich, schade, vergeblich, sich gegen solche ‚Kunst‘ zu versuchen zu wehren, wenn einem solche Leute alles verderben.“ (ebd.)

An der Stelle brach ich meine Sommerfeld-Lektüre ermüdet und kopfschüttelnd ab. Die Berlin-Episode zeigt nicht nur eine gewisse Naivität des rechten intellektuellen Elitismus gegenüber ‚der Straße‘ (diesen naiven Elitismus gibt es allerdings und paradoxerweise auch linksherum), sondern deutet auch an, dass es den Rechten nicht damit getan ist, das ‚Abendland‘ vor dem Islam zu ‚retten‘. Die Episode provoziert zur Frage, was passieren würde, nachdem die Rechten Erfolg hätten. Welche Gruppen (Künstler, Journalisten, Wissenschaftler, …) wären die nächsten, die als politischer Feind identifiziert würden, etwa unter der Maßgabe, dass das Erreichte ja schließlich vor diesen geschützt werden müsse, und wie würde mit diesem Feind umgegangen? Neben manchen Vorgängen in Ungarn und Polen klingeln mir dazu auch immer noch die im Sommer ‚geleakten‘ AfD-WhatsApp-Nachrichten in den Ohren, und da wird mir, als linksgrün-versiffter Vertreter des wehrlosen westlichen Männertypus, ganz schwach ums Herz.

*seufz*

Leiblichkeit von Technik-Support-Situationen

Vorweg: Ich arbeite immer noch an „Headcanon“, siehe https://mdonick.com/2017/03/12/headcanon — ich hoffe, den Text bis zum Herbst veröffentlichen zu können.

Daneben versuche ich seit einer Weile, Technik-, speziell: Computernutzung (die ich bisher systemtheoretisch und ethnomethodologisch betrachtet habe), stärker neophänomenologisch (Hermann Schmitz) in den Blick zu bekommen. Ansatzweise ging schon mein VR-e-Book letztes Jahr in diese Richtung, aber mein Arbeitsalltag im technischen Support (Telekommunikation und Flugsimulation) zeigt mir immer wieder Kommunikations- und Nutzungssituationen, die im neophänomenologischen Sinne „leiblich-spürbar“ sind. Wenn man etwa an den Atmosphären-Begriff von Hermann Schmitz denkt und manche Support-Situationen vor diesem Hintergrund betrachtet, dann merkt man, wie hilfreich Schmitz‘ Begriffsinventar ist, um über kommunikationssoziologische Beschreibungsweisen (also sozusagen die Außenbetrachtung) hinauszugehen. Letzten Endes stelle ich mir Analysen von Nutzungssituationen vor, die drei Ebenen berücksichtigen:

  1. Die systemtheoretische Ebene, wo Menschen und Kommunikationssituationen als abstrakte Systeme beschrieben werden, um grundlegende Strukturen des Zusammenwirkens dieser Systeme (insbesondere ihrer jeweiligen Leistungsbeziehungen) aufzudecken
  2. Die ethnomethodologische Ebene, wo dieselben Menschen und Situationen hinsichtlich planvollen Handelns und kommunikativer Anschlüsse („what next“-Erwartung) betrachtet werden.
  3. Die neophänomenologische Ebene, wo das leibliche Spüren der Menschen in den Situationen ausgedrückt wird, um die subjektiven Auswirkungen von 1. und 2. zu berücksichtigen.

In meiner Dissertation ging ich von 2. als Startpunkt aus (da gab es schon diverse Vorarbeiten, z.B. Lucy Suchmans Arbeiten zur Techniknutzung) und habe mich 1. gewidmet (die daraus folgende konsequent durchgezogene systemtheoretische Abstraktheit und damit eben Losgelöstheit vom Menschen war einer der Kritikpunkte in den Gutachten). Jetzt konzentriere ich mich auf 3., also sozusagen genau das andere Extrem. Dann sind nicht nur sich erhaltende (oder irgendwelchen Störungen ausgesetzte), abstrakte Nutzer- und Nutzungssysteme beschreibbar, sondern auch, wie diese Nutzersysteme als konkreter, wahrnehmender Mensch die Nutzungssituation spüren.

Ein Beispiel sind Kommunikationssituationen im technischen Support. Egal ob per Telefon, per E-Mail odManchmal sind diese Situationen ganz „schwer“ und „drückend“, zeitlich gedehnt und insgesamt sehr unangenehm spürbar, können sich aber am Ende, wenn eine erfolgreiche Lösung für die Support-Anfrage gefunden wurde, in einem Gefühl von Erleichterung, „Öffnung“, „Leichtigkeit“ auflösen (hoffentlich — es gibt natürlich auch Fälle, bei denen die Schwere bleibt, weil keine Lösung gefunden wurde). Das Besondere an Schmitz‘ Leibkonzept ist, dass das Spüren selbst solcher Erfahrungen im Mittelpunkt steht — nicht die Lösung des technischen Problems, auch nicht die möglichst effiziente und effektive Kommunikationsstrategie, sondern erstmal die umfassende Wahrnehmung der gesamten Situation, und der Möglichkeit, das sprachlich auszudrücken (oder zumindest sprachlich für sich selbst zu reflektieren).

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob es Schmitz‘ Absicht widerspricht, wenn man solche Wahrnehmung bzw. ihre Beschreibbarkeit praktisch nutzen will, um Kommunikation „erfolgreicher“ zu gestalten (vielleicht instrumentalisiert und banalisiert man Schmitz‘ Leistung dann auch), aber ich war schon immer eher praktisch orientiert. Daher zumindest zwei Ansatzpunkte:

  1. Man spürt oft sowieso, das irgendwas nicht stimmt, aber man kann nicht genau sagen, was man da eigentlich spürt. Wenn man sich solcher Wahrnehmungen bewusster wird und sie auch differenzierter ausdrücken kann, können sich daraus neue kommunikative Anschlussmöglichkeiten ergeben, die am Ende die Kommunikationssituation doch noch glücken lassen.
  2. Man kann ggf. schon vor dem Auftreten solcher „irgendwas stimmt nicht“-Situationen gegensteuern, sodass man die Situation gar nicht erst „retten“ muss.

Eine Herausforderung besteht darin, dass ich zwar im Support-Alltag ständig mit Beispielen zu tun habe, mit denen sich diese Ansatzpunkte differenzieren ließen bzw. die sich dahingehend analysieren ließen, aber dass es aber natürlich nicht möglich ist, genau das zu tun (denn in den Situationen muss ich ja das jeweilige Anliegen der Nutzer lösen und kann mich nicht dem Luxus kommunikativer Analysen hingeben, von forschungsethischen Fragen mal ganz abgesehen). Wenn ich hier wirklich ernsthaft drüber arbeiten will, muss ich also wie gehabt die eigene Alltagssituation von der Forschungssituation trennen; hier besteht die Herausforderung in der Logistik, dies nebenberuflich auf die Reihe zu kriegen, aber selbst dafür gibt es Wege.

Headcanon

Hier mal ein provisorischer Textauszug aus meiner Einleitung meines momentanen work-in-progress-Textes, der mal „New York Times lesen in Magdeburg“ heißen sollte, aber nun den Titel „Headcanon – das epikritische Zeitalter“ trägt:

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir einem permanenten Dauerfeuer aus multiperspektivischen Eindrücken ausgesetzt sind, bei denen nicht nur Interpretationen subjektiv sind, sondern Seinsaussagen selbst je nach Standpunkt wahr oder falsch sind – Fakten und Alternative Facts. Um dieses Phänomen zu benennen, benutze ich den aus der Popkultur bekannten Begriff des Headcanon (Kopf-Kanon).

Der Begriff wird mitunter von Fans fiktiver Kosmen von Fernsehserien, Filmen, Büchern und Computerspielen benutzt. Der Kopf-Kanon erweitert oder widerspricht der offiziellen Darstellung. Dumbledore aus „Harry Potter“ mag im offiziellen Kanon tot sein, aber das hindert Fans nicht daran, ausführlich alternative Theorien zu diskutieren und angebliche Fakten zusammenzutragen, die ihre Ideen untermauern – ein kreatives und durchaus spaßiges Spiel. Mit dem Label Headcanon versehen, vermeiden diese Fans langwierige Konflikte darum, dass so etwas dem offiziellen Kanon widerspricht, nach dem Prinzip: ‚Okay, das ist ja nur dein Headcanon, also ist es in Ordnung, dass du behauptest, Dumbledore lebe noch‘. (Eine Computerspielserie, bei denen die Spielentwickler sogar zum Schaffen individuellen Headcanons aufrufen, ist The Elder Scrolls.) Headcanon liefert Kontext, vor dem eine Aussage zur Welt wahr oder falsch sein kann. So kann jeder seinen eigenen Headcanon haben und individuell entscheiden, was zur Welt dazugehört und was nicht.

Das mitunter Bestürzende der letzten Monate allerdings ist die Beobachtung, dass immer mehr ‚echte‘ Wirklichkeit nach dem Prinzip des Headcanon zurechtgerückt wird, teils von mächtigen Akteuren (bekanntestes Beispiel: Donald Trump; Trump-Anhänger wiederum würden als Beispiel die traditionellen Medien nennen). Für traditionelle Medien ist immer noch überraschend, dass das jeweilige Ergebnis von vielen Menschen als ‚wahr‘ akzeptiert wird, und so deuten sie auf die Fehler oder korrigieren diese (fact checking). Doch gerade weil so viele Experten, also Journalisten, Medienwissenschaftler, Soziologen u.ä., auf den ‚fake‘-Charakter von ‚alternative facts‘ hinweisen, werden die ‚alternative facts‘ geglaubt, denn Experten (die negativ als Eliten wahrgenommen werden) wird zunehmend misstraut. Mein Eindruck etwa ist, dass Journalisten wie feuilletonistische Film- oder Literaturkritiker wahrgenommen werden. Nach dem Prinzip: Wenn SPIEGEL online einen Film schlecht findet, dann muss der Film ja gut sein (und umgekehrt). Mein Eindruck ist, dass der Umgang mit etablierten Medien zurzeit ähnlich funktioniert.

(Der vorige Titel mit der New York Times in Magdeburg bleibt als Kapitelüberschrift bestehen.)

Lesen (1)

  • Elena Esposito: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität (Suhrkamp 2007/2014). Mit dem besten Klappentext ever: „Die Realität ist unwahrscheinlich, und das ist das Problem.“
  • Maximilian Probst: Verbindlichkeit (Rowohlt 2017). Wo ich nach dem Lesen der ersten paar Seiten (der Autor nennt vor jedem Abschnitt ein Datum, wodurch es leicht tagebuchartig wird) vor allem wissen will, ob der Autor am Ende noch mit seiner Frau zusammen ist oder nicht.
  • Armen Avanessian: Miamification (Merve 2017). Bei dem ich bei all den Schlagworten auf dem Cover (Trump (natürlich!), Big Data, Beach, Präemptive Persönlichkeit, Make America Great Again, Einwanderung, Postcontemporary, Finanzfeudalismus, Nano, Offshore, Klimawandel, Singularity, Überwachung, Scooter, Hurricane, Technopolitik, Hacking, Plastic City, Zeitkomplex, Postkapitalismus, Heat, Post-Internet, Uberfahrt, Rekursion, Orange-Utan, Derivatives, Paradigma, Carbon Democracy, Algorithmen, Non-Arbeit, Hyperstition, Poiesis, Gentrifizierung, Präsenzwahn, Jetzt-Lag, Déjà-vu, Du musst deine Blutwerte ändern, iPhone, Datafiktionen, Datafizierung, Schattenökonomie, Ergontologie, Psychometrie, Tropical Lush, Pool) noch nicht wirklich weiß, worauf der Autor am Ende hinaus will.
  • Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt (Suhrkamp 2017). Wo ich mich beim Anblick des Vorworts erschrocken daran erinnerte, dass der Autor ja nun auch schon zwei Jahre tot ist.