Flugangst — Flugspaß — Flugscham

Das folgende hätte ich eigtl. auch im persönlichen Blog posten können, aber bei Über/Strom passt es auch:

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Spätestens seit den Fridays For Future-Protesten widmen sich wieder viele Medien dem negativen Einfluss, den das Fliegen auf das Klima ausübt. In manchen Artikeln geht es um Alternativen für den nächsten Urlaub, in anderen betonen die Autor*innen, weiter fliegen zu wollen. Manchmal wird der Ruf nach nicht-fliegender Vorbildwirkung laut, manchmal auch nach Verboten. Es wird über alternative Antriebe spekuliert, und es wird berichtet, dass Fluggesellschaften trotz allem keinen Rückgang bei den Passagierzahlen verzeichnen. Ich könnte diesen Diskurs mit Interesse zur Kenntnis nehmen und seine persönlichen Folgen für mich auf die Urlaubsfrage reduzieren. Allerdings ist es nicht ganz so einfach.

Eine ganze Weile hatte ich Flugangst.

Diese Angst hatte sich nach ersten beiden Flügen entwickelt. Während die noch so neu und aufregend waren, dass an Angst nicht zu denken war, kamen bei den weiteren Flügen lauter Fragen auf. Ganz viele Unklarheiten, auf die ich keine…

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Lazarus lebt. David Bowies Musical am Schauspiel Leipzig

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David Bowies Musical „Lazarus“ (zu dessen Premiere am 07.12.2015 in New York Bowie seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte) wird seit geraumer Zeit in unterschiedlichen Versionen auch in Deutschland aufgeführt. Am 15.06.2019 hatte Lazarus am Schauspiel Leipzig Premiere; ich habe mir die Aufführung am 04.07. angeschaut, nachdem ich schon vorher Ausschnitte der New Yorker Fassung im Internet gesehen, das Skript gelesen und die CD rauf und runter gehört hatte.

Lazarus vereint 16 Songs Bowies, von denen er vier extra für das Musical geschrieben hatte (darunter den Titeltrack, der auch auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde). Darunter sind Klassiker wie „Life on Mars?“, „Absolute Beginners“ und „Heroes“. Verbunden werden die Songs durch eine Geschichte, die Walter Tevis Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976 mit Bowie verfilmt) fortführt.

Der Protagonist, der vom Planeten Anthea stammende Thomas Jerome Newton, hat das Leben auf der Erde satt und betäubt sich mit Alkohol und…

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Aus dem Gleichgewicht — Theresa Hannig: Die Unvollkommenen

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Am mecklenburgischen Ostseestrand, nahe der Hansestadt Rostock, gibt es ein Seebad, das für gewöhnliche Bürger*innen nicht zugänglich ist. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm, das seit dem Verkauf des historischen Ortskerns an den Projektentwickler Anno August Jagdfeld im Jahr 1996 auch an normalen Tagen fast so abgeschottet ist wie während des G8-Gipfels 2007. Nein, hier geht es um das nur wenige Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn — allerdings das des Jahres 2058, wie es in Theresa Hannigs neuem Roman „Die Unvollkommenen“ geschildert wird.

Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.

2058 wird Kühlungsborn durch eine riesige weiße Mauer vom Rest der Küste abgegrenzt sein. Die 1910-12 im Ortsteil Arendsee errichtete „Villa Baltic“ wird 2058 zum sanften Gefängnis ausgebaut sein — zum „Internat“, wie es in der euphemistischen Sprache der Bundesrepublik Europa (BEU) heißen wird. In das Internat kommen keine Kinder reicher Eltern, sondern aufmüpfige Bürger*innen, die sich nicht mit der durch…

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Überwältigungsmechanik — allein im unmöglichen Kunst-Raum (Die virtuelle Kremer Collection, Teil 2)

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Architektur ist wichtig für die Entstehung von örtlicher Präsenz. Örtliche Präsenz ist, in Anlehnung an den Begriff sense of place, eine subjektive Wahrnehmung, die mehr als bloße Anwesenheit in einem Raum meint. Örtliche Präsenz heißt, den technisch definierten Raum zu einem bedeutungsvollen Ort zu machen oder ihn so wahrzunehmen. Örtliche Präsenz ist damit eine subjektive Wahrnehmung und eine soziale Konstruktion. In ‚der echten Welt‘ konnte die Menschheit über Jahrtausende an der Rolle von Architektur für die Entstehung des sense of place und entsprechender leiblicher Dynamiken arbeiten. In virtuellen Welten hingegen, die sich prinzipiell nicht an Naturgesetze gebunden fühlen müssten, entwickeln sich Formen und Funktionen erst noch. Aus Sicht der Besucher*innen solcher Experimente kann dies mal enttäuschen und mal überwältigen.

Sense of Place im Museums-Nachbau

Viele Virtual-Reality-Umsetzungen von Museen und Ausstellungsräumen orientieren sich an echten Vorbildern und erzeugen so eine oft wirkungsvolle Illusion der Präsenz an diesen Orten.

Das…

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Museum zum Mitnehmen: Die virtuelle Kremer Collection (Teil 1 von 3)

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Eine beliebte Form von Virtual-Reality-Anwendungen sind virtuelle Darstellungen von Museen; vor ein paar Jahren schrieb ich über das Museum im Zeitalter seiner Virtualisierbarkeit und sie waren Thema meines Buches Die Form des Virtuellen (2016). Ein interessantes Projekt, das es damals noch nicht gab, ist The Kremer Collection, in der ein niederländischer Sammler seine Sammlung in einem virtuellen Museum zugänglich macht — in einer technisch sehr hohen Qualität. Dies wirft erneut Benjamins Frage nach der Reproduzierbarkeit von Kunst auf.

Das Museum, in dem ich mich befinde, steht an keinem Ort. Obwohl es von einem Architekten gestaltet wurde (Johan van Lierop), befindet es sich nicht in einer wirklichen Stadt. Die 74 Kunstwerke, die hier ausgestellt werden — alles niederländische und flämische Alte Meister, sogar ein ‚echter‘ Rembrandt ist darunter — sind in dieser Form nie zusammen zu sehen gewesen. Diese Zusammenstellung gibt es nur in der virtuellen Realität…

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Zur Position des Menschen im Über-Strom

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Es gibt zwei prinzipielle Weisen, wie wir in der „nächsten Computergesellschaft“ (die Stufe nach der von Dirk Baecker für heute beschriebener Computergesellschaft oder „nächster Gesellschaft“) oder eben: im Über-Strom leben und zu den technischen Systemen stehen können bzw. wie diese Gesellschaft gestaltet sein kann.

ENTWEDER:

Computer, KI-Systeme usw. werden weiter „zur zweiten Natur“, wie Luhmann für Technik allgemein sagte:

  • der Trend zur Geschlossenheit setzt sich fort, zur scheinbaren (vorgespielten) Einfachheit, zur Unscheinbarkeit, zur Uneinsehbarkeit der black box, zum Versteckspiel.
  • Die Nicht-Trivialität der meisten technischen Systeme wird weiterhin von „Trivialisierungsspezialisten“ (Heinz von Foerster, 1993) verschleiert. Der umgedrehte Transparenzbegriff der Informatik, nach dem oft gerade die Vorgänge als transparent bezeichnet werden, die Nutzer*innen nicht sehen, wird als Ideal angesehen und daher ins Extrem getrieben: Auch die Entwicklung, inkl. Design und Test, neuer Technik findet automatisiert und unsichtbar statt.
  • Die Folge ist ein quasi-schamanistisches Verhältnis einer neuen Stammesgesellschaft zur Technik, wie es…

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7 aus dem Strom: KW22/23

Über/Strom

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Regelmäßig verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Dass Frauen auch zu Beginn der Informatik eine wichtige Rolle spielten, wird glücklicherweise zunehmend bekannter. Das Quanta Magazine berichtet über die Mathematikerinnen und Programmiererinnen Margaret Hamilton und Ellen Fetter, die in den 1960er Jahren für die Programmierung des LGP-30-Computers zuständig waren, mit dem Edward Lorenz die Chaostheorie einläutete. Der Meteorologe und Mathematiker Lorenz modellierte mit dem LGP-30 Wettersysteme. Bekannt ist der sogenannte Schmetterlingseffekt, bei dem eine kleine Veränderung eines Systems eine große, unvorhersehbare Wirkung zeigen kann (wie eben der Flügelschlag, der weit entfernt einen Wirbelsturm auslöst).

Margaret Hamilton, neben Ausdrucken des Quelltextes der Apollo-Software (Bildnachweis: Wikipedia/gemeinfrei)

Hamilton arbeitete später an der Software für das Apollo-Projekt und für die Raumstation Skylab. Fetter widmete sich ihren Kindern; Versuche, später wieder in…

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Sicher verstrickt

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Obwohl ich gewiss kein Gegner digitaler Medien bin (im Gegenteil), habe ich vor ein paar Wochen meine Accounts bei Facebook und WhatsApp gelöscht. Der Stress der Nutzung überwog irgendwann den Nutzen. Anstatt mich etwa bei einem Parkspaziergang während der Pause zu entspannen, „musste“ ich schauen, was im digitalen Umfeld so passiert ist — wer hat was gepostet, worüber wird mehr oder weniger impulsiv diskutiert, und hat irgendwer das vorhin gepostete Foto oder meinen Blogeintrag „geliked“? Was aus diesem mitunter wirren Netz aus Möglichkeiten könnte relevant für mich sein?

Bildnachweis: eskemar / photocase.de

Diese Art digitaler Stress ist mittlerweile ein bekanntes Phänomen, und es gibt Ratschläge, ihm zu entgehen, Stichwort Digital Detox. Ich entschied mich nach einigem Abwägen für den radikalen Entzug — wenn ich nicht mehr bei solchen Diensten angemeldet bin, können sie mich auch nicht mehr ablenken. Das ist jetzt etwa einen Monat her, und noch immer verspüre…

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