Lärm

Das Anstrengende daran, kommunikationswissenschaftliche Beobachtungen zu machen und darüber Texte zu schreiben (ich sitze immer noch an dem Thema „New York Times lesen in Magdeburg„) ist, dass man sich dem ganzen medialen Lärm (um das nicht noch drastischer zu formulieren) aussetzen muss, über den man schreibt. Dabei ist die Gefahr groß, selbst noch mehr Lärm zu produzieren, indem man jeden Artikel liest und versucht, zu berücksichtigen, jeden Tag aufs Neue. Was Trump gesagt hat, oder Steve Bannon, was Breitbart News gerade so an Hass ausspuckt, oder wie die liberale Presse darauf reagiert (ich finde den neuen Slogan der Washington Post „Democracy Dies in Darkness“ als Statement ziemlich cool; die Breitbart-Leser brauchten nicht lange, darauf hinzuweisen, dass die USA angeblich nie als Demokratie gedacht gewesen sei; ich verzichte darauf, das zu verlinken) …

Heute Nachmittag, vielleicht auch, weil es gerade geregnet hat, hatte ich plötzlich den Eindruck, dass „die“ gewinnen werden. Dass wir in zehn Jahren in einer Welt leben, in der es keine liberale Presse mehr geben wird; in der alternative Lebensmodelle marginalisiert sind; in der sich nationalistische europäische Staaten offen feindselig gegenüber stehen; in der ständige Überwachung an der Tagesordnung ist; in der Kontrollinstanzen, die das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen lassen könnten, ausgehebelt sind; und bei dem es den „normalen Leuten“ keineswegs besser geht als heute. Die einzige Hoffnung ist, dass sich kein System ewig hält und dass das auch für die kommende Dunkelheit gilt.

Oder lässt sich diese Dunkelheit noch verhindern?

Zeitung lesen

Gerade sprachen meine Frau und ich über einen Interviewauszug, in dem Michel Foucault 1975 einer französischen Zeitung, die es scheinbar nicht mehr gibt, beschrieb, wie er Zeitung las. Foucault sagte:

„Oh, puh, wissen Sie, ich glaube, meine Lektüre ist sehr banal. Meine Lektüre beginnt beim Kleinsten, Alltäglichsten. Ich schaue auf die im Ausbrechen begriffene Krise und dann drehe ich meine Runden um die großen Kerne, die großen, ein wenig ewigkeitlichen, ein wenig theoretischen Zonen, ohne Tag und ohne Datum.“

Vom Alltag zum Überzeitlichen. Meiner Frau würde Foucaults Zitat besser gefallen, wenn er zuerst die Traueranzeigen gelesen hätte (denn darin kommen Alltag und Zeitlosigkeit zusammen, aber wie sie gerade anmerkt, ist das nur meine Interpretation ihrer Bemerkung).

Ich mag meine Frau.

Sehr.