Moral im Spiel

Der gedruckte Tagungsband zur HiStories III (2016), die Christian Klager und ich organisiert hatten, erscheint in Kürze. Heute kam mein Belegexemplar. Mein Beitrag darin heißt: „Zwischen Spielmechanik und Atmosphäre. Moralische Entscheidungen in Open-World-Spielen am Beispiel der Darstellung von Rassismus und Flüchtlingen in The Elder Scrolls: Skyrim“ (S. 31-45). Hier der Abstract:

Moralische Entscheidungen in Spielen sind bedeutsam, wenn sie für den weiteren Spielverlauf wahrnehmbare Auswirkungen, etwa auf erzählerischer oder spielmechanischer Ebene besitzen. Ob eine Auswirkung vorliegt, ist aus Sicht der Spielenden und ihrer Wahrnehmung zu beurteilen. Am Beispiel von The Elder Scrolls: Skyrim fällt auf, dass es in diesem Spiel zahlreiche Mikroebenen gibt, bei denen – wenn moralische Entscheidungen nötig sind – es scheinbar keine Auswirkung auf den Spielverlauf als Ganzes, d.h. die übergeordnete Makroebene, gibt. Dies entspricht einer häufigen Kritik an Open-World-Spielen. Bei genauerer Betrachtung vor dem Hintergrund sowohl des abstraken Systems ‚Spieler‘ als auch des wahrnehmenden, leiblich spürenden, spielenden Subjekts zeigt sich jedoch, dass sehr wohl ein Effekt der Elemente der Mikroebene auf eine bedeutsame moralische Entscheidung auf der Makroebene bestehen kann.

Andere Beiträge in dem Band befassen sich u.a. mit der Moral des Als-Ob in Computerspielen als Fortsetzung der Wirklichkeit (Christian Klager), der Frage, wann der Spieler ein moralisches Subjekt ist (Thomas West), sowie zu Doping und Ethik in der Welt des Sports (Lisa Schulmeister).

Klager, Christian: Dimensionen der Moral im Spiel. Göttingen 2018.

Schreibrhythmus

Ich habe schon erwähnt, dass sich mein Schreiben an bestimmten Orten abspielt und ich dafür unterschiedliche Werkzeuge benutze. Was für produktiven Output aber noch eine Rolle spielt, ist so eine Art unterschwelliger Rhythmus, der bestimmt, ob und was ich schreibe. Ich glaube, dieser Rhythmus wird durch Thema und Zeit bestimmt.

Thematisch pendle ich ja zwischen Flugsimulation und „irgendwas mit Medien“, d.h. mal schreibe ich Artikel für das FS MAGAZIN oder Nutzerhandbücher für vFlyteAir und Aerobask; und mal schreibe ich ziemlich umfangreiche medientheoretische Essays, die derzeit vor allem über Telepolis bei heise.de veröffentlicht werden. Außerdem ergeben sich aus beiden Feldern vereinzelt „richtige“ medienwissenschaftliche Texte, die entweder als Vortrag gehalten werden oder irgendwo als Artikel erscheinen (in ein paar Tagen kommt z.B. der Tagungsband zur HiStories 2016 raus). Der alles verbindende „rote Faden“ ergibt sich zurzeit aus Kommunikationswissenschaft, Phänomenologie und z.T. Virtueller Realität.

Zeitlich gibt es einerseits bestimmte Termine, die ich halbwegs einhalten muss. Ich neige (leider?) dazu, diese Termine aufs Äußerste auszureizen. Anstatt also diszipliniert regelmäßig an einem Text zu schreiben, vergrabe ich mich eher einen Tag vor bis drei, vier Tage nach Abgabetermin in die jeweilige „Schreibaufgabe“, wo dann sehr schnell viel Text entsteht. Allerdings sitze ich vorher nicht bloß faul rum (abgesehen davon, dass ich ja auch noch einen richtigen Job habe). Denn andererseits ist der Schreibrhythmus durch eine Phase des „Herannahens“ bestimmt. Da umkreise ich die Schreibaufgabe gedanklich, befasse ich mich mit Material und Sekundärliteratur und ordne in meinem Kopf schonmal mögliche Zugänge. Danach warte ich meistens noch einen Tag, und dann geht es auf einmal los, ich fange an etwas zu tippen und „es“ schreibt sich dann schnell runter. Hinterher bin ich dann ziemlich erschöpft, es folgen ein oder zwei Wochen der Erholung, bevor es von vorne losgeht. Irgendwie muss ich bei diesem Vorgehen an einen Raubvogel denken, der seine Beute umkreist, dann plötzlich zuschlägt, die Beute auffrisst und sich dann erstmal satt und zufrieden in der Sonne ausruht (keine Ahnung, ob Raubvögel das so machen 😀 )

Manchmal drängt sich mir der Gedanke auf, dass ich mit mehr Disziplin und einem durchgetaktetem Tagesrhythmus schneller und produktiver sein könnte. Aber wozu? Ich bin ganz zufrieden mit meiner derzeitigen Mischung aus richtigem Job, nebenberuflichem Schreiben und Freizeit, und so lange ich Rückmeldungen zu meinen Texten bekomme (gute und schlechte), habe ich mein Ziel erreicht.

Der Schmerz der Staatsräte

Ich lese gerade Helmut Lethens neues Buch über Staatsräte in der NS-Zeit. Sein Ansatz, vier Personen zu Gesprächen versammeln, die so nie stattfanden (aber in den Gesprächen zahlreiche Originalzitate dieser Personen zu nutzen), ist ein sehr interessanter Zugang zur Thematik. Das erlaubt Lethen auch einen ironischen Zugang zu dem Erschreckenden (erschreckend sind die Ansichten dieser Personen und die gesellschaftliche Situation). Mitunter kommt da eine lächerliche Tragik dieser Gestalten zum Vorschein. Ich bin dennoch ganz froh, dass es zu Beginn des Buches eine sachliche Einleitung in die Thematik gibt, und die „Geistergespräche“ zwischendurch durch ähnlich nüchterne Kapitel unterbrochen werden.

Zurzeit bin ich bei dem Kapitel zum Schmerz. Da musste ich an einen Vortrag Lethens denken, den er vor einigen Jahren an der Universität Rostock gehalten hat. Dort tauchen schon seine Reflexionen zum Schmerz-Verständnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch auf (den Vortrag hat Lethen damals in unserer Zeitschrift „WISSENSCHAFT in progress“, Heft 1.10 veröffentlicht, das Heft mit dem Text kann man hier runterladen). Die Kontextualisierung, die in den fiktionalen Diskussionen mit den „Geistern“ Carl Schmitt, Gustaf Gründgens und Wilhelm Furtwängler stattfindet, ist zur Einordnung dieses Themas sehr hilfreich.

Ich habe jetzt ca. die Hälfte des Buches durch, und viele Rezensionen und Interviews dazu gelesen. Besonders hörenswert ist das Interview mit Lethen im Deutschlandfunk Kultur.

Irritierend hingegen wirkt eine Rezension von Seiten der Neuen Rechten, die ich gestern im Internet gefunden habe, und wiederum erschreckend sind einige der Kommentare darunter. Nein, ich möchte wirklich nicht in einem Land leben, in dem solche scheinbar im tiefsten Innern von Carl-Schmittschem Freund-Feind-Denken erfüllten und durch einen imaginierten „Großen Austausch“ angetriebenen Menschen die politische und kulturelle Landschaft bestimmen und wegen der Ängste dieser Menschen mühsam gewonnene Freiheiten eingeschränkt werden.