War da noch was, Herr Luhmann?

Der Titel dieses Blogeintrags lehnt sich an die Bücherreihe „… Herr Luhmann?“ an, in der vor einigen Jahren mehrere Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gesammelt wurden („Was tun, Herr Luhmann?“, „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?“, „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ und „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann?“) Den Titel habe ich gewählt, weil ich ehrlich überrascht war, ein neues Buch Luhmanns in der Buchhandlung zu entdecken [in Rostock im Hugendubel; unwahrscheinlich, sowas in Magdeburg zu finden — wobei, immerhin ein Band von Dirk Baecker steht da rum … Und Dirk Baecker ist es auch, der als Herausgeber des neuen Luhmann-Bandes fungiert.] Die Aufsatzsammlung heißt „Die Kontrolle von Intransparenz“ und wird als „Theorievermächtnis“ aus der „letzten Schaffensphase“ Luhmanns beworben.

Das Buch enthält keine bis dahin unveröffentlichten, womöglich erst wiederentdeckten Texte, sondern die Aufsätze sind zwischen 1989 und 1998 alle schon andernorts erschienen. Der neue Band stellt sie geschickt zusammen und erlaubt es so einerseits, Luhmanns Verständnis von Systemtheorie und konstruktivistischer Erkenntnistheorie nachzuvollziehen: Erkenntnis, Intelligenz, Kausalität, Zeit und Gedächtnis sind Grundbegriffe, an denen sich vier der Aufsätze abarbeiten, ergänzt durch ein einordnendes Nachwort Dirk Baeckers. Das Buch ist damit tatsächlich als Einführung in Luhmanns Denken aus erster Hand brauchbar, ohne erschlagend zu sein.

Andererseits kulminieren diese Betrachtungen in einem fünften Aufsatz, der titelgebend war, eben „Die Kontrolle von Intransparenz“. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie mit Ungewissheit umzugehen ist — und dabei ist klar, dass sich diese nicht vermeiden lässt (S. 120). Wenn man den Autor diesem Sinne noch einmal fragen würde: „Was tun, Herr Luhmann?“, dann käme womöglich das Ende des Intransparenz-Aufsatzes als Antwort:

Wenn man in dieser Lage überhaupt im Bestande der abendländischen Tradition nach Modellen für eine Lösung suchen will, dann könnte man vielleicht an das Konzept der Stoa denken, das sich mehr als einmal in unruhigen Zeiten bewährt hat, nämlich an die Weisung, in Ruhe und Würde auszuhalten, was immer sich an eigenem und fremdem Handeln abspielt.

(ebd.)

Es ist an Dirk Baecker, in seinem Nachwort über dieses Fazit hinauszugehen, indem er Luhmanns Ansatz noch stärker (als Luhmann selbst in dem Text) an den form-Begriff George Spencer-Browns und die Figur des Beobachters zweiter Ordnung rückbindet:

[M]an kontrolliert sie [die Intransparenz, M.D.], indem man Beobachter beobachtet, die temporale Formen entwerfen, deren Innen- und Außenseiten unter der Voraussetzung eines mitlaufenden unmarked space [Hervorh. i. O.] verschiedene Systeme und deren Umwelten untereinander vernetzen.

(ebd., S. 145).

Baecker spricht dabei von rekursiv verschachtelten Systemen (ebd., S. 146) und sieht darin „die eigentliche Botschaft des Nachdenkens über die Kontrolle von Intransparenz“ (ebd.)

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