„Die Physiognomie einer Diktatur“

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat ein Buch über vier Staatsräte der NS-Zeit geschrieben: „Die Staatsräte: Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“ (Rowohlt). In einem Interview zu dem Buch mit der FAZ wird deutlich, dass in dieser Darstellung der „Physiognomie einer Diktatur“ (so die Werbung des Verlags) „die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten […] als Subtext aber immer mit[schwingt]“ (Julia Encke). Enckes Interview verweist auf einen Konflikt, der auch Lethens engstes Umfeld betrifft, wie die Süddeutsche Zeitung letztes Jahr berichtet hat. Von Details dazu bleibt Lethens Buch glücklicherweise verschont, wie man der Leseprobe des Verlags (siehe erster Link) entnehmen kann. Eine Rezension zu dem Band werde ich zu gegebener Zeit posten.

Schreiborte

Vor einer Weile habe ich über meine Schreibwerkzeuge geschrieben. Genauso wichtig wie die Werkzeuge ist der Ort, an dem ich damit schreibe. Im Laufe der Zeit habe ich mehrere ausgemacht, die je nach Thema wirksam werden.

Der eigene Schreibtisch

Ich finde es immer sehr schön, wenn in Feuilletons und Magazin-Beilagen zu großen Tageszeitungen die Schreibtische bekannter Schriftsteller, Wissenschaftler, Architekten, Künstler usw. gezeigt werden. Vorhin habe ich sowas mal wieder in einem (sehr lesens- und sehenswerten) Artikel im T Magazine über den japanischen Architekten Kengo Kuma gesehen. Sowas erhebt Anspruch auf Authentizität, wird aber eher eine Inszenierung sein. Mein Schreibtisch steht im Arbeitszimmer, das ich mir mit meiner Frau teile — in einer Ecke des Raumes steht ihrer, in der diagonal gegenüberliegenden Ecke meiner. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, dann merke ich, dass dort nur Texte entstehen, die mit Flugsimulation zu tun haben: technische Handbücher, Workshops und Rezensionen für das FS MAGAZIN (das ist eine Fachzeitschrift für Flugsimulation), usw. Liegt sicherlich daran, dass dort auch der Computer steht, auf dem die Simulationen laufen und teilweise entwickelt werden.

Der Couchtisch

Viele meiner „irgendwas mit Medien“-Texte (z.B. die „Head Canon“-Reihe) entstehen in unserem Wohnbereich, auf dem Sofa, an einem vollkommen unergonomischen Couchtisch, mit meinem alten Laptop. Meist liegen dann irgendwelche Stapel von Fachliteratur verstreut auf dem Fußboden und auf dem Sofa. Im Fernsehen laufen Columbo, Shopping Queen, Bares für Rares, u.ä., oder (wenn ich mich vor mir selbst als intellektuell inszenieren will/muss), im Radio der Deutschlandfunk Kultur. Was gar nicht funktioniert: bewusstes Musik hören von CDs oder MP3s. Erstens taktet sich dadurch die Zeit (da ich ja weiß, wie lang einzelne Lieder oder ganze Alben sind), wodurch das Versinken im Schreibprozess erschwert wird, und zweitens wende ich mich quasi automatisch dem aktiven Zuhören zu anstatt es nur Hintergrundberieselung ist.

Im „Retreat“ ;P

Manchmal habe ich den Luxus, woanders zu sein, komplett losgelöst von der normalen Umgebung. Zurzeit sitze ich an einem Tresen in der, hm, Wohnküche bei U. und schaue auf die leicht hügelige Landschaft südlich von Rostock. Die klare Inneneinrichtung dieses Raumes und der ländliche Eindruck draußen haben sich schon mehrfach als sehr hilfreich beim Exzerpieren, Denken und Schreiben erwiesen. Zentrale Kapitel meines Buchs zu virtueller Realität sind hier entstanden, und der eine oder andere Vortrag. Ein ähnlich wirkungsvoller Rückzugsort ist das Ferienhaus „Haus Rehblick“ im Schwarzwald, das eigentlich zum FS MAGAZIN gehört, in dem ich aber ebenfalls kommunikations- und medientheoretische Sachen geschrieben habe (während der Versuch, dort mein lange geplantes Buch zu einer virtuellen Weltreise im Flugsimulator fertigzustellen, letzten Herbst kläglich gescheitert ist). Und ein letzter Ort sei erwähnt: Vor ein paar Jahren war ich auf einer Tagung im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, wozu auch eigene Unterkünfte gehören. Ich weiß nicht, ob das heute immer noch so ist, aber damals waren das kleine, fast monastisch anmutende „Zellen“ mit Bett und großem Schreibtisch. Entscheidende Teile meiner Dissertation sind dort an nur zwei Tagen entstanden (was ganz passend war, wegen Bielefeld — Luhmann — usw.)

In der Bahn und im Café

Mit dem Zug unterwegs zu sein oder im Café zu sitzen, ist jeweils ein zweischneidiges Schwert. Entweder befördert es den Schreibvorgang mit jedem gefahrenen Kilometer oder jeder getrunkenen Tasse (koffeinfreien :/ ) Kaffees — oder es lullt mich ein in eine zuerst nachdenkliche, später gedankenlose Passivität. Beides kann hilfreich sein. Im ersten Fall entstehen meist ganz brauchbare Entwürfe für die eigentlichen Texte. Im zweiten Fall wird der Kopf frei und Ideen können sich unbewusst weiterentwickeln (oder ich bilde mir das ein).

War da noch was, Herr Luhmann?

Der Titel dieses Blogeintrags lehnt sich an die Bücherreihe „… Herr Luhmann?“ an, in der vor einigen Jahren mehrere Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gesammelt wurden („Was tun, Herr Luhmann?“, „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?“, „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ und „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann?“) Den Titel habe ich gewählt, weil ich ehrlich überrascht war, ein neues Buch Luhmanns in der Buchhandlung zu entdecken [in Rostock im Hugendubel; unwahrscheinlich, sowas in Magdeburg zu finden — wobei, immerhin ein Band von Dirk Baecker steht da rum … Und Dirk Baecker ist es auch, der als Herausgeber des neuen Luhmann-Bandes fungiert.] Die Aufsatzsammlung heißt „Die Kontrolle von Intransparenz“ und wird als „Theorievermächtnis“ aus der „letzten Schaffensphase“ Luhmanns beworben.

Das Buch enthält keine bis dahin unveröffentlichten, womöglich erst wiederentdeckten Texte, sondern die Aufsätze sind zwischen 1989 und 1998 alle schon andernorts erschienen. Der neue Band stellt sie geschickt zusammen und erlaubt es so einerseits, Luhmanns Verständnis von Systemtheorie und konstruktivistischer Erkenntnistheorie nachzuvollziehen: Erkenntnis, Intelligenz, Kausalität, Zeit und Gedächtnis sind Grundbegriffe, an denen sich vier der Aufsätze abarbeiten, ergänzt durch ein einordnendes Nachwort Dirk Baeckers. Das Buch ist damit tatsächlich als Einführung in Luhmanns Denken aus erster Hand brauchbar, ohne erschlagend zu sein.

Andererseits kulminieren diese Betrachtungen in einem fünften Aufsatz, der titelgebend war, eben „Die Kontrolle von Intransparenz“. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie mit Ungewissheit umzugehen ist — und dabei ist klar, dass sich diese nicht vermeiden lässt (S. 120). Wenn man den Autor diesem Sinne noch einmal fragen würde: „Was tun, Herr Luhmann?“, dann käme womöglich das Ende des Intransparenz-Aufsatzes als Antwort:

Wenn man in dieser Lage überhaupt im Bestande der abendländischen Tradition nach Modellen für eine Lösung suchen will, dann könnte man vielleicht an das Konzept der Stoa denken, das sich mehr als einmal in unruhigen Zeiten bewährt hat, nämlich an die Weisung, in Ruhe und Würde auszuhalten, was immer sich an eigenem und fremdem Handeln abspielt.

(ebd.)

Es ist an Dirk Baecker, in seinem Nachwort über dieses Fazit hinauszugehen, indem er Luhmanns Ansatz noch stärker (als Luhmann selbst in dem Text) an den form-Begriff George Spencer-Browns und die Figur des Beobachters zweiter Ordnung rückbindet:

[M]an kontrolliert sie [die Intransparenz, M.D.], indem man Beobachter beobachtet, die temporale Formen entwerfen, deren Innen- und Außenseiten unter der Voraussetzung eines mitlaufenden unmarked space [Hervorh. i. O.] verschiedene Systeme und deren Umwelten untereinander vernetzen.

(ebd., S. 145).

Baecker spricht dabei von rekursiv verschachtelten Systemen (ebd., S. 146) und sieht darin „die eigentliche Botschaft des Nachdenkens über die Kontrolle von Intransparenz“ (ebd.)

Musik ist der Strom durch die Zeit

Manchmal benutze ich meine Computer nicht zum Schreiben, Flüge simulieren und Spielen, sondern zum Musikmachen (wofür ich in der Regel Propellerhead Reason und das M-Audio Oxygen 25 verwende). Weil ich zum Musikmachen weder besonderes Talent noch systematisches Wissen habe, kann man davon 80% „in die Tonne kloppen“, wie es so schön heißt. Ab und zu bleiben aber Fragmente übrig, die zumindest die Atmosphäre, die ich zum Zeitpunkt des Musikmachens gespürt habe, ganz treffend ausdrücken, und manchmal ist ein Fragment so lang und strukturiert, dass man es als „Lied“ bezeichnen kann. mnblck040-solfall-shinpaku-cover

Wenn genug solcher Fragmente zusammengekommen sind, stelle ich sie unter dem Namen „solfall“ ins Internet (das Foto rechts zeigt mein letztes Album, „shinpaku“, aus dem Jahr 2011; shinkapu ist Japanisch und heißt wohl sowas wie Herzschlag). Dort führen die Tracks ein tristes unbeachtetes Dasein und haben allein die Funktion, mich meiner Vergangenheit zu versichern.

Dies tun sie immer dann, wenn ich sie mir selbst anhöre. Sie sind wie akustische Tagebucheinträge, die keine konkreten Ereignisse berichten, sondern die Stimmung, die ich an einem Tag oder in einer Jahreszeit gespürt habe und die ich mittels der Musik festhalten wollte. Wenn ich mir die Tracks später nochmal anhöre, versetze ich mich in die damalige Zeit zurück und kann Ansätze der damaligen Atmosphäre und meiner Wahrnehmung dieser Atmosphäre greifen — also ein Stück von mir selbst. Das ist melancholisch und schön — und führt in der Regel dazu, dass ich neue Fragmente produziere, so auch heute:

 

mnblck021-solfall-herbstwelt_mnblck_edition_CD_coverDiesen kurzen Clip habe ich „L’éclat“ genannt (Französisch für Glanz, aber auch Splitter oder Scherbe). Er ist in den letzten paar Tagen entstanden. Er ist tatsächlich das erste Fragment aus den letzten sieben Jahren, mit dem ich leben kann und ich frage mich, ob das daran liegt, dass er stilistisch zu „shinpaku“ und zum noch älteren „Herbstwelt“ (2007/2009) passt. Mir fällt auf, dass ich bestimmte Stimmungen immer wieder benutze (und dass ich v.a. im nahenden Frühling oder im ausklingenden Sommer Musik mache). „L’éclat“ kann man gut nach den Tracks „end of august“ (2007) und „tegami“ (2011) hören und hat damit drei paradigmatische Schlaglichter darauf, wie ich mich zu den jeweiligen Zeiten gefühlt habe oder fühle — mit einer immer vorhandenen Melancholie, allerdings (was mir auch auffällt) immer mehr Tendenz zum Optimismus (einige der Tracks auf „Herbstwelt“ sind noch fast EBM-mäßig dunkel).

Quasi losgelöst vom Alltag (wechselnde Jobs und Tätigkeiten, wechselnde Wohnorte, usw.) muss ich damit wohl feststellen, dass ich mich innerlich kaum verändert habe. Musik ist wie ein roter Faden oder wie ein Strom, der mich durch die Jahre getragen hat (und das gilt natürlich auch für das Hören anderer Musik).

Konflikt und Krisis

Heute ist nun, etwas später als geplant, Teil drei meiner „Head Canon“-Essayreihe erschienen. Darin fasse ich am Beispiel der New York Times und der Tagesschau einige Beobachtungen zur heute häufigen Kritik an Massenmedien (und deren Reaktionen darauf) zusammen:

In massenmedialen Nachrichtenbeiträgen, Reportagen und Kommentaren werden erstens konkrete Ereignisse erzählt und zweitens übergreifende Narrative erschaffen, fortgeschrieben oder in Frage gestellt. Dies kommt im Klischee des „rasenden Reporters“ zum Ausdruck, der seiner „Story“ nachjagt. Manchmal stellen sich diese Geschichten als ungenau, falsch oder einfach nicht zu den Erwartungen der Rezipienten passend heraus, was zu Kritik und dann Rechtfertigung und Erklärung führen mag. Besonders prägnant lässt sich das an großen politischen Konfliktlinien beobachten, wo den Medien mitunter nur ein unbewusstes Richten nach einem Mainstream vorgeworfen wird, manchmal aber auch bewusstes Verschleiern und eindeutiges Lügen, um irgendwelchen politischen Interessen zu dienen.

Hier geht’s zum Artikel: https://www.heise.de/tp/features/Konflikt-und-Krisis-Partizipativer-Umgang-mit-Massenmedien-3959451.html

Edit: Aber scheinbar ist bei der Veröffentlichung irgendwas durcheinander geraten, der Schluss fehlt. Das kläre ich gerade…

Edit 2: Jetzt ist es vollständig. ^^

Im folgenden vierten Teil beginne ich damit, solche Medienereignisse in ihrer leiblichen Wirkung (im phänomenologischen Sinne) zu betrachten.

The Center Everywhere

In ihrem Blog „A Light Circle“ geht M.P. Baecker von dieser momenthaften Erkenntnis aus, dass all die fremden Menschen um einen herum auch alle ein ganzes eigenes Leben mit allem, was dazu gehört haben; was momenthaft ganz unglaublich erscheinen kann, und wofür das „Dictionary of Obscure Sorrows“ das Wort „sonder“ verwendet: „the realization that each random passerby is living a life as vivid and complex as your own“ (http://www.dictionaryofobscuresorrows.com/post/23536922667/sonder). In ihrem lesenswerten Essay kreist Baecker um diese Beobachtung und um die Subjektivität der Wahrnehmung der Welt, in deren Zentrum man immer sich selbst setzt.

A Light Circle

My husband used to tell me a little story I have since cherished that occurred on the day I first arrived in Germany ten years ago. My flight out of New York had been abruptly delayed by a few hours, so he had to wait for me in the airport lobby for quite a while. He sat quietly, puzzling over the joyous enigma of my visit, and as the time slowly passed, he found himself staring at the endless procession of cars moving along the many overlapping roadways surrounding the low, narrow building. It had been a dark, rainy winter evening. I imagine the passing headlights cast glimmering circlets on the wide, rain-studded windows in front of him. The lights brightening into glaring cone-like flashes as they neared, only to shrink back into facetted spheres, narrowing down to pinpoints, eventually fading back into darkness as the cars sped away one…

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Life on Mars

Es gibt so Lieder, die für einen selbst auf mehreren Ebenen wichtig sind. David Bowies „Life on Mars“ ist so eines. Gestern war es während des Testflugs der Falcon Heavy von SpaceX zu hören, als die Nutzlastabdeckung abgeworfen wurde. Hier war der Bezug rein oberflächlich auf den Namen bezogen, ohne die anderen Ebenen des Liedes zu beachten. Trotzdem war es toll anzusehen, immerhin mag ich Raumfahrt.

Aber vor ein paar Jahren hörte ich das Lied das erste Mal, als meine Frau und ich die britische Fernsehserie „Life on Mars“ schauten. Zu der Zeit lag gerade der Papa meiner Frau im Koma und wer die Serie (und das Sequel „Ashes to Ashes“) kennt, weiß, wieso es damals ziemlich traurig, surreal und absurderweise hoffnungsvoll zugleich war, diese Serie zu schauen.

Heute schließlich stieß ich erneut auf das Lied, beim Googeln nach der Schauspielerin Cristin Milioti (die „Mutter“ aus „How I Met Your Mother“). Ich stellte fest, dass Milioti eine Rolle in David Bowies Musical „Lazarus“ (noch kurz vor seinem Tod aufgeführt) hatte (in der ursprünglichen New Yorker Aufführung), und „Life on Mars“ kommt in dem Musical ebenfalls vor. Die von der New Yorker Besetzung gesungenen Songs gibt es übrigens alle auf CD, Vinyl oder als MP3 zu kaufen, was sich sehr lohnt. Jedenfalls … macht das alles sehr melancholisch.

Popkulturmelancholie.