Pieksen Sie den Router! (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung zu: https://mdonick.com/2017/10/17/pieksen-sie-den-router-sie-fuehlen-sich-danach-besser/

V Verstehen

(1) Wenn ein Gerät kaputt zu sein scheint (und außer bei offensichtlichen Schäden oder Fehlverhalten ist das oft nur eine Annahme, die von Lebenserfahrung und sozialen Faktoren gestützt wird) — wenn also bei einem „Defekt“ einem der nette Hotline-Mitarbeiter einen Austausch anbietet, fühlt sich das zunächst beruhigend an. Die simple Hoffnung ist, dass ja nur selten gleich zwei Geräte denselben Fehler aufweisen; die Hoffnung selbst hilft bereits, den unangenehmen Druck des Nicht-Funktionierens auszuhalten.

(2) Doch wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn auch beim Tauschgerät das Problem nicht behoben ist! Da stellt man dann fest, dass der Austausch doch bloß eine Verdrängung des Problems war, keine Lösung (siehe Rainer Kuhlens Kategorien in Abschnitt III). Erkennt man, dass ein technisches Problem durch einfache Maßnahmen nur verdrängt, aber nicht gelöst wurde, folgt oft Verweigerung: Man hat keine Lust mehr, man ist frustriert, man will sein Geld zurück, usw. Man wechselt das Produkt, geht etwa von Word zu LibreOffice, vom PC zum Mac, von der Telekom zu Vodafone, von der PlayStation zur X-Box, von X-Plane zu Prepar3D, usw. nur um auch dort irgendwann technischen Problemen gegenübersteht, die man nicht lösen kann.

(3) Die bittere Wahrheit ist: Selbst wenn Technik als „einfach“ und quasi gedankenlos nutzbar beworben wird — sie ist es nicht, oder nur solange, wie es zu keinen Problemen kommt. Leider kommt es immer irgendwann zu Problemen, denn nicht jede potenzielle Nutzungssituation und Nutzererwartung ist bei der Entwicklung von Technik vorhersehbar. Wenn man aber dauerndes Verdrängen oder Verweigern nicht als sinnvolle Möglichkeit ansieht, dann muss man Technologie verstehen lernen. Das ist der einzige Weg, dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber technischen Problemen, des Ausgeliefertseins gegenüber Herstellern und Hotlines, entgegenzutreten.

(4) Technologie verstehen — wie soll das gehen, wenn, wie in Abschnitt II beschrieben, selbst die Entwickler ihre Produkte nicht mehr vollständig überblicken können? Hier ist der Unterschied wichtig: Konkrete Technik, also das einzelne sachtechnische Artefakt, kann man nur soweit verstehen, wie man Eingriffsmöglichkeiten hat und über diese informiert ist (oft kann man ja mehr machen, als man ahnt). Doch Technologie, die Technik zwar zugrunde liegt, aber auch eine Reflexionsform zu Technik ist, kann man sehr wohl verstehen lernen.

(5) Das klingt nach Studium, aber in der Praxis umfasst das ganz einfache Verhaltensweisen, die man im technischen Support auch immer wieder empfiehlt, die aber gerade frustrierte Nutzer nur ungern umsetzen möchten — sei es aus Angst, etwas falsch zu machen; sei aus Trotz, weil man nicht einsehen will, dass man selbst Verantwortung trägt, wenn man Technik nutzt; oder sei aus der trotz allem vorhandenen Überzeugung, die Fehlerursache zu kennen.

Ein ausgedachtes, aber doch typisches Beispiel: „Mein WLAN bricht immer ab. Mein Handy verliert die Verbindung zum Router.“ Hm, probieren Sie doch mal, den Router woanders hinzustellen. „Das geht aber nicht!! Der steht hinter dem Sofa, damit man die Lampen nicht sieht!“ Aha. Die Lampen sind aber … egal. Gut, dann versuchen wir eben, ein paar Einstellungen im Router zu verändern. „Das kann ich nicht.“ Doch, können Sie. Wir machen das zusammen. „Für sowas habe ich keine Zeit. Ich erwarte, dass Sie mir jemanden schicken, der die Leitung prüft. An dem Verteilerkasten vor dem Haus war neulich ein Techniker, seitdem bricht das WLAN am Handy immer ab.“ Aber WLAN-Abbrüche haben nichts mit der Leitung zu tun. „Doch.“ *seufz* Fehlt nur noch das „WLAN-Kabel“ …

(6) Beispiele wie dieses könnte man hundertfach konstruieren, für jedes Feld, in dem Menschen Technik nutzen, die sie nicht verstehen. In dem Beispiel betrifft das Verständnisproblem mehrere Dinge: (a) Was ist WLAN? (b) Was kann man von WLAN erwarten? (c) Wie kann man dafür sorgen, dass die Erwartung erfüllt wird? Diese drei Punkte zu klären, betrifft vor allem das Feld Technologie und nur zum Schluss die konkrete Sachtechnik. Verallgemeinert: (a) Was ist diese Technologie? (b) Was kann man von dieser Technologie erwarten? (c) Wie kann meine konkrete Sachtechnik ‚zu Hause‘ diese Erwartung erfüllen?

(7) Anders als bei mancher Sachtechnik sind die zum Verständnis von Technologien nötigen Informationen meist umfassend vorhanden. Handbücher, Hilfeportale im Internet, Zeitschriftenartikel, das alles gibt es. Doch die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen, muss vorhanden sein. Hat man erkannt, dass man selbst Verantwortung trägt, dann hat man einen Ansatzpunkt, auch geschlossene technische Artefakte bewusster zu verwenden. Und womöglich festzustellen: So geschlossen, wie sie einem erscheint, ist die Technik vielleicht gar nicht. Oder so kaputt, wie man erst dachte.

Fortsetzung folgt.

Zerdehntes Schreiben

Beim Schreiben längerer Texte mache ich ohnehin oft längere Pausen. Bei meiner Dissertation waren die teils mehrere Monate lang, bei meinem E-Book zu Virtual Reality immerhin noch mehrere Wochen. In den Pausen kümmere ich meistens um meine Flugsimulations-Jobs, und manchmal gehe ich auch einfach nur zu meiner „normalen“ Arbeit und mache gar nix Freiberufliches (was sich dann fast wie Urlaub anfühlt, zumindest bis dann doch mal eine Deadline drückt). Nun schreibe ich aber, wie schon öfter erwähnt, an einer Essayreihe bei Telepolis (über den Umgang mit Medien, über die Skepsis gegenüber etablierten Massenmedien, und über die leibliche Wirkung, die Medien haben können und wie der eigene Wohnort da reinspielt).

Die Idee zu der Reihe hatte ich schon 2016, ein grobes Exposé lag im Frühjahr 2017 vor, und die einzelnen Teile des Essays entstehen seit August 2017. Dieses über Monate zerdehnte Schreiben fühlt sich einerseits an wie die gewohnten langen Projekte, doch andererseits ist es herausfordernder. Da die Teile zwischendurch schon veröffentlicht werden, müssen sie für sich gesehen lesbar sein, aber trotzdem müssen sie aufeinander aufbauen, selbst wenn da ein halbes Jahr zwischen liegt. Bei langen Texten, die als ein Ganzes veröffentlicht werden, kann man jederzeit zuerst geschriebene Teile an später geschriebene Teile anpassen, bis alles rund ist, aber wenn die Teile jeweils einzeln erscheinen, geht das nicht so einfach — ich schreibe die ja nicht „blind“ vor mir her, sondern es kommen ja noch immer neue Ideen dazu, oder ich lese irgendwo etwas, auf das ich mich beziehen will. Oder womöglich stelle ich sogar fest, dass ich etwas früher Geschriebenes nun doch anders sehe!

Dabei den roten Faden zu behalten, ist gar nicht so einfach. Geschweige denn, sich an die Struktur des ursprünglichen Exposés zu halten (was ich auch fast aufgegeben habe — inhaltlich passt es schon, aber die Aufteilung ist ganz anders). Auf jeden Fall ist es für mich ein spannendes Experiment, mal auf diese „dynamische“ Weise zu schreiben. Ich habe jetzt noch zwei Teile vor mir. Ich hoffe, ich habe hinterher noch die Chance, alles zu einem leicht erweiterten und abgerundeten Gesamttext zu verbinden, aber das wird man sehen. Spaß macht es mir aber schon jetzt.