Kanon der Ungewissheit

In Kapitel 5 von „Technik vertrauen“, das ich gerade schreibe, habe ich sie alle nochmal aufgezählt. Zitat aus meinem Manuskript:

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Neben Dirk Baecker haben in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zahlreiche andere Forscher, Philosophen, Journalisten und Essayisten […] Beschreibungen [zu aktuellen und auch künftig wirksamen gesellschaftlichen Veränderungen] vorgelegt. Der Soziologe Andreas Reckwitz sprach in seiner großen, gleichnamigen soziologischen Arbeit von der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz 2017). Der durch die „Risikogesellschaft“ bekannte Soziologe Ulrich Beck nahm kurz vor seinem plötzlichen Tod noch einmal die Risiken der digitalen Welt in den Blick (Beck 2017). Der GEO-Chefredakteur Christoph Kucklick vermutete in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft“, dass wir uns auf dem Weg in eine „Kontrollgesellschaft“ befinden (Kucklick 2016). Der Soziologe Helmut Willke urteilte schon vor 16 Jahren, dass es in der „Wissensgesellschaft“ darauf ankäme, „das zu Wissen komplementäre Nichtwissen zur Kenntnis zu nehmen“ (Willke 2002). Der Philosoph Byung-Chul Han versammelte unter den Oberbegriff „Transparenzgesellschaft“ in äußerst kulturkritischer Sicht gleich mehrere weitere Gesellschaftsbegriffe, die verschiedene Missstände der Digitialisierung ausdrücken sollen (Han 2013). Der Journalist Christian Schuldt skizzierte am Ende seiner kleinen Luhmann-Einführung die „Netzwerkgesellschaft“ (Schuldt 2017). Der Philosoph und Übersetzer Maximilian Probst dachte letztes Jahr in fast literarisch anmutender Tagebuchform über die Rolle von Verbindlichkeit in der heutigen Zeit nach (Probst 2017). Und selbst ich konnte dem Reiz, unsere Zeit mit einem spezifischen Begriff zu belegen und einen bescheidenen Beitrag zu diesem Kanon der Ungewissheit zu leisten, nicht widerstehen: In meiner Essay-Reihe „Head Canon“ schrieb ich über das „epikritische Zeitalter“, das ich deshalb so nannte, weil Medien zunehmend als zuspitzend (epikritisch , in einem leibphänomenologischen Sinne) sind – sie bedrängen zu einer Entscheidung und versuchen, mögliche Alternativen einzuengen, in einer Zeit, in der das Treffen sicherer Entscheidungen so schwierig und eher eine Ausweitung der Möglichkeiten — im Sinne des konstruktivistischen ethischen Imperativs, den Heinz von Foerster formuliert hatte, vgl. Kapitel 3 — angebracht ist (Donick 2018).

Botanica (wo mal der Strudelhof war)

Der Nachfolger des Strudelhofs (für drei Jahre mein absolutes Lieblingscafé in Magdeburg) nennt sich Botanica und hat seit ein paar Tagen geöffnet. Heute waren wir das erste Mal da.

Neugierig, ein bisschen skeptisch — aber am Ende sehr froh, dass es genau an dieser Stelle wieder ein Café gibt; dass der Innenraum sehr freundlich und beruhigend wirkt; dass der schöne Innenhof beibehalten wurde; dass das Essen schmeckt (obwohl das eine Umstellung ist: im Strudelhof gab es sehr klassische Fleischgerichte, das Botanica ist vegan), und dass das neue Café insgesamt ein würdiger Nachfolger ist.

Endlich ist diese Lücke in der Stadt gefüllt. Nur ein bisschen früher müsste es aufmachen (zurzeit erst 15 Uhr), damit ich auch nach meinen Frühschichten mal spontan hin könnte…

Neues Buch von Dirk Baecker: 4.0

Der Soziologe und Kulturwissenschaftler Dirk Baecker hat schon in der Vergangenheit über die „Computergesellschaft“ oder allgemeiner „die nächste Gesellschaft“ geschrieben. Baeckers Beobachtungen und Thesen (unbedingt lesen!) gründen auf einer systemtheoretischen Tradition in der Nachfolge Niklas Luhmanns. Für meine Doktorarbeit waren sie wichtiger Hintergrund, und auch in meinem kommenden Buchprojekt „Technik vertrauen“ gehe ich darauf ein. Nun hat Baecker ein neues Buch veröffentlicht, das den vielversprechenden Titel „4.0, oder Die Lücke, die der Rechner lässt“ trägt. In seinem Blog postet Baecker eine Inhaltsangabe.

Done, WIP & TODO (09/2018)

Erledigt:

In Arbeit:

TODO:

  • immer noch: Essay zur Geschichte von Ethnomethodologie und Luhmann’scher Systemtheorie, und was davon heute noch relevant ist

Konstruktion, Reflexionsgeschichte, Freiraum

„Head Canon“ ist komplett, mit dem nun veröffentlichtem 6. Teil der Reihe: https://www.heise.de/tp/features/Konstruktion-Reflexionsgeschichte-Freiraum-4154725.html

Einen etwas ausführlicheren Blog-Beitrag über die nun abgeschlossene Reihe werde ich bald noch verfassen.

Schreib!

Pausen sind wichtig… können sich aber auch als der größte Fehler erweisen, den man beim Schreiben langer Texte machen kann, zumindest wenn man vor der Pause eigentlich gut vorangekommen ist.

Mit Pausen meine ich nicht kurze Kaffeepausen, oder den Toilettengang, oder den 5-Stunden-Job für’s „Grundeinkommen“ (den finde ich sogar wirklich entspannend), sondern tagelange Pausen, in denen man etwas ganz anderes macht: auf eine Tagung fahren (so wie ich letzte Woche zur HiStories IV in Rostock), oder abends weggehen (so wie letzten Mo), oder nachts um 02:00 Uhr zum gefühlt zehnten Mal die komplette „How I Met Your Mother“-Serie binge-watchen, währenddessen man versucht, weiterzuschreiben, der Laptop mit dem halbleeren Textdokument des neuen Kapitels aber eher Einsamkeit ausstrahlt als Kreativität.

Dann ist man wirklich raus. Und man starrt zwei, drei Stunden auf den Bildschirm, während fiktive Großstadtneurotiker ihren End-Zwanziger-Alltag leben, und in der Zeit kommen nur vier Zeilen Text raus, und dann geht man frustriert ins Bett.

Jetzt höre ich Goldfrapps „Everything is Never Enough“ und tippe diesen Blogeintrag, um zumindest physisch wieder in einen schnellen Schreibrhythmus zu geraten, und dann gleich vom Bloggen aufs Weiterschreiben zu kommen. Jetzt. Na los. ALT+TAB. Fensterwechsel. … . .  .    .        .

Buchtipp: „Magdeburg: Architektur und Städtebau“

mdbauStädtebaulich finde ich Magdeburg sehr spannend vom ersten Moment an, seit wir uns im März 2015 hier eine Wohnung gesucht haben. Die Stadt ist ziemlich weitläufig und überall architektonisch vielfältig. Es gibt auch in sich geschlossene Plattenbau-Gebiete aus DDR-Zeiten, aber die sind weit weniger dominant als in manchen anderen Städten Ostdeutschlands (z.B. auch im Vergleich zu Rostock, wo wir früher gelebt haben). Heute habe ich ein Buch gefunden, in dem man diese Vielfalt anschauen, darüber lesen und nachdenken kann: „Magdeburg: Architektur und Städtebau“, herausgegeben vom Stadtplanungsamt.

Nach einem Einleitungsaufsatz im ersten Kapitel, in dem natürlich auch auf die Zerstörungen der Stadt im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg eingegangen wird, folgt ein sehr langes Kapitel, in dem Stadtteil für Stadtteil die jeweils bemerkenswerten Bauwerke mit Foto und kurzem Text vorgestellt werden. Sehr schön ist, dass dabei auch sehr neue Gebäude sowie Visualisierungen erst geplanter Bauten aufgenommen wurden, das Buch ist also wirklich aktuell. Nach dem zweiten Kapitel schließt sich noch ein kürzerer dritter Abschnitt an, der sich speziell dem „Neuen Bauen“ der 1920er Jahre widmet; davon gibt es ja einige Viertel verteilt über die ganze Stadt.

Visuell ähnelt das Buch einem Katalog, wie er zu Kunstausstellungen üblich ist, d.h. die meisten Bilder sind relativ klein. Dazwischen gibt es jedoch immer wieder größere Fotos, auch einige doppelseitige Großaufnahmen, oft als Luftbild. Einige der Großaufnahmen vermitteln ungewöhnliche Perspektiven und damit ein Bild der Stadt, mit dem man sonst eher nicht rechnet — manches Mal möchte man — kunsthistorisch ganz unbedarft — sagen: „Oh, das sieht ja schön aus“. Schwarz-weiße Stadtplan-Ausschnitte, in denen jeweils die im Buch enthaltenen Bauwerke farbig markiert wurden, sind hilfreich zur Verortung der Gebäude und lockern das Buch auf.

Ich habe mir in den letzten dreieinhalb Jahren diverse Bücher über Magdeburg gekauft, aber dieser Band sticht deutlich hervor. Er ist als Taschenbuch erschienen, aber mit Fadenheftung und dadurch recht haltbar. Die Qualität der Aufnahmen ist sowohl technisch als auch von der Motivwahl her meist sehr gut. Die typographische Gestaltung ist unaufdringlich-angemessen. Insgesamt eine absolute Kaufempfehlung, wenn man sich für Städtebau interessiert — die gerade mal 25 Euro kostet.