Heinz von Foerster: Tanz mit der Welt

Heinz von Foerster war für den Konstruktivismus und als Referenz für Luhmanns Systemtheorie ziemlich bedeutsam. Hans-Ulrich Gumbrecht hat sich mal in einem Vortrag über Luhmanns Umgang mit Theoretikern, die man außerhalb der Systemtheorie kaum kennt, etwas lustig gemacht. So sei von Foerster vor allem „ein sympathischer, kauziger, emeritierter Ingenieurswissenschaftler“, aber (so muss man Gumbrecht verstehen) kaum relevant für Philosophen (also diejenigen, zu denen sich Luhmann, selbstironisch, nicht zählte). (Ähnlich ironisch urteilte Gumbrecht an der Stelle auch über George Spencer Brown, Humberto Maturana, Fritz Heider und Gotthard Günther. Gumbrechts Vortrag trug den Titel „Alteuropa“ und „Der Soziologe“ – Wie verhält sich Niklas Luhmanns Theorie zur philosophischen Tradition? Er ist auf der CD Niklas Luhmann – Beobachtungen der Moderne enthalten).

Jedenfalls ist das mit Kauzigkeit Heinz von Foersters schon nachvollziehbar. Bei YouTube gibt es eine alte Dokumentation über seine Arbeit, mit dem schönen Titel „Tanz mit der Welt“, wo man sich davon selbst ein Bild machen kann:

Coming Soon™: Technik vertrauen

Ich habe mich ja in meiner Dissertation und auch später damit beschäftigt, wie Menschen Technik verwenden — wie sie bei Problemen zurechtkommen und wie sie Nutzungssituationen wahrnehmen. Nun geht es bald weiter damit. Ein wichtiger Aspekt der Techniknutzung ist das Vertrauen in Technik: Wird meine EC-Karte im Supermarkt vom Lesegerät erkannt oder stehe ich wegen Kratzern am Chip auf der Karte auf einmal „ohne Geld“ da? Kann ich darauf vertrauen, dass der Motor des Flugzeugs, in dem ich meine Flugstunden nehme, nicht kurz nach dem Start ausfällt? Kann ich dem Internet-Provider vertrauen, mir eine stabile Leitung zu liefern? Und dessen Hotline, dass sie ehrlich zu mir sind?

Und weil das wegen DSGVO gerade so aktuell ist: Kann ich dem Anbieter, bei dem ich mein Blog habe, vertrauen, sich an seine Datenschutz-Grundsätze zu halten und dass diese DSGVO-kompatibel sind?

Man merkt an den Beispielen, dass Vertrauen in Technik ganz viele Ebenen umfasst. Vertrauen in konkrete technische Produkte, Vertrauen in Verfahren und Prozesse, Vertrauen in Menschen. Ohne Vertrauen ist Techniknutzung nicht möglich. Aber wie kann so ein Vertrauen im Alltag aufgebaut, gerechtfertigt und ggf. wiederhergestellt werden? Darüber denke ich seit einer ganzen Weile nach, und die Erfahrungen in meinem „normalen“ Job bei einem Kommunikationsdienstleister tragen dazu nicht gerade wenig bei.

In den letzten Wochen hat sich die Möglichkeit ergeben, das Thema „Technik vertrauen“ als Buch bei Springer Science+Business Media unterzubringen (ja, es gibt auch andere Verlage ähnlichen Namens). Nachdem nun alles offiziell ist und ich auch das „ok“ meiner Lektorin dafür habe, dass ich darüber in meinem Blog berichten darf, tue ich das hiermit mal. Also, ‚bald‘ (ich denke mal irgendwann 2019) erscheint von mir ein neues Buch, mit dem Arbeitstitel „Technik vertrauen“.

Ich freue mich sehr. Denn das Schöne ist, dass ich in dem Buch nicht nur die Gelegenheit habe, die Ergebnisse meiner Dissertation aufzugreifen, sondern vor allem, daraus ganz praktische Folgen für den Alltag aufzuzeigen. Bei dem neuen Buch arbeite ich auch wissenschaftlich, kann aber die Darstellung viel freier gestalten. Unter anderem kann ich die LeserInnen direkt ansprechen oder durch kleine Gedankenexperimente einbinden. Ich kann allgemeinverständlicher schreiben und stärker mit Alltagsbeispielen arbeiten.

Diese Art zu schreiben ist in bestimmten Punkten eine neue Herausforderung für mich, aber doch das, was ich schon lange machen wollte. Ich werde darüber jedenfalls in der nächsten Zeit noch öfter berichten.

hotel

Hotelketten, bei denen die Zimmer ortsübergreifend so gut wie identisch aussehen, haben Ähnlichkeit mit den Begrüßungs- und Menüräumem virtueller Realität. Vor ca. drei Monaten war ich in einem Motel One in Berlin, gerade bin ich in einem Motel One in Rostock, und beide Zimmer sind komplett austauschbar. Nur der Ausblick aus dem Fenster ist ein anderer. Das ist, als hätte man sich unter einer VR-Brille nur einen anderen künstlichen Ausblick eingestellt. Als könnte man mit einem Augenzwinkern, in einem Augenblick den Ort wechseln.

Erinnern und Vergessen

Im Jahr 1992 erschien Jan Assmanns Buch „Das kulturelle Gedächtnis“. Im Jahr 2016 erschien „Formen des Vergessens“ seiner Frau Aleida Assmann. Beide befassen sich — neben anderen Formen — auch mit der Rolle des Ortes für Erinnerung und Vergessen.

Jan Assmann schreibt (u.a.) über den in der Bibel geschilderten Exodus des Volkes Israel aus Ägypten. Wie der Exodus als „Erinnerungsfigur“ (S. 201) für den Aufbau einer kollektiven Identität wirkt. „Die Historizität des Exodusgeschehens ist höchst umstritten. […] Entscheidend ist aber nicht die Historizität, sondern die Bedeutung dieser Geschichte in der israelischen Rückerinnerung. […] Die Herausführung des Volkes aus Ägypten ist der Gründungsakt schlechthin […] von allem Anfang her wird das Volk durch die Auswanderung und Ausgrenzung bestimmt“ (S. 201f.)

Aleida Assmann schreibt vierzehn Jahre später (u.a.) über das moderne Israel. Darüber, wie nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 viele palästinensische Orte verlassen wurden (oder aus denen, je nach Sichtweise, die arabische Bevölkerung vertrieben wurde). Das nennt sich in der palästinensischen Erinnerung „Nabka“ („Unglück“) oder „palästinensischer Exodus“. Aleida Assmann weist darauf hin, dass bei der Nabka palästinensische Orte ihren Erinnerungscharakter verloren haben, während neue Monumente von der israelischen Erinnerung künden. Daher „sprechen [wir]“ hinsichtlich Israel, so A. Assmann, „von einem Land mit zwei Topologien und Narrativen, von denen die Symbole des einen überwältigend sichtbar, die Spuren des anderen weitgehend gelöscht sind“ (S. 164).

Aleida Assmann bezeichnet den Holocaust bis 1945, den Unabhängigkeitskrieg 1948 und die Nabka 1948 als drei wichtige Phasen israelisch-palästinensischer Geschichte, doch jede Seite habe jeweils nur zwei dieser Phasen im Blick und sei blind für die dritte (S. 162f.) Solange so eine teils unvollständige, teils gegensätzliche Erinnerung besteht, ist Verständnis und damit Frieden ungemein schwierig.

Blockschreiben

Schreibblockaden sind bekannt. Was es aber auch gibt: Blockschreiben. Damit bezeichne ich das, womit ich hier gerade seit ein paar Tagen zu kämpfen habe. Blockschreiben ist, wenn man zwar eine Menge Text produziert, der aber kein großes Ganzes ergibt, sondern nur kurze für sich stehende Abschnitte (Blöcke halt). Blockschreiben entsteht, wenn man gedanklich um ein Thema kreist, sich dem Thema von verschiedenen Seiten nähert, verschiedene Ansätze und Einstiege probiert, und keiner passt so richtig. Obwohl also das Schreiben beim Blockschreiben nicht blockiert ist, kann Blockschreiben genauso frustrierend wie eine Schreibblockade sein.

Eine Ursache für Blockschreiben ist, wenn man selbst nicht genau weiß, worauf man hinaus will. Eine andere: Man hat zwar das Ende vor Augen, stellt aber fest, dass man keine Ahnung hat, wie man da hinkommen soll. Und ein dritter Grund: Der Text funktioniert für sich, aber dann stellt man fest, dass er nicht mehr zu den anderen Texten derselben Reihe passt. An dieser dritten Ursache halte ich mich gerade ziemlich auf. Das ist eine Folge des zerdehnten Schreibens, das ich bei meiner „Head Canon“-Essayreihe ausprobiere. Über Monate hinweg veröffentliche ich einzelne Essay-Teile; alle kreisen um den Kanon-Begriff, um Medien und darum, wie individuelle Weltbilder entstehen. Jeder Teil hat ein Hauptthema, jeder Folgeteil baut direkt auf dem vorherigen Teil auf, und es muss auch immer das Thema der Reihe insgesamt vorkommen.

Ich könnte theoretisch ewig so weiterschreiben, von Teil zu Teil, Ketten bilden von einem Thema zum anderen, aber der Platz ist begrenzt. Ich habe noch zwei Mal ca. zwanzig Seiten, dann muss alles passen. Auch in Teil fünf (den ich gerade beende) soll die Zielstellung von Teil eins zu spüren sein, und auch in Teil sechs (der abschließende Teil) soll man nicht das Gefühl haben, dass z.B. Teil zwei dafür eigentlich irrelevant war. Jeder Teil soll etwas beitragen. Ich kann nun also nicht noch endlos abschweifen, sondern muss langsam mal die verschiedenen „Erzählstränge“ auflösen. Ein Cliffhanger ist nicht drin. Eine zweite Staffel auch nicht. Höchstens ein Director’s Cut, irgendwann später.

 

Zeitlos

Weit hinten im Elbauenpark gibt es ganz eigenartige zeitlose Formen. Verwinkelte Gänge, gerade Linien, Steinkugeln, tempeleingangsartige Mauern, und alles eingebettet in Wiesen, umgeben von bewachsenen Wällen.

Fünf

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Es gibt ja so Bücher, die einen das ganze Leben über begleiten. Wenn ich vor dem Bücherregal stehe, fällt mein Blick oft zuerst auf diese. Hier sind ein paar Zitate:

Ethan, die begreifen das nicht. Die anderen in meiner Klasse. Man hält mich für eine Faschistin, weil ich Software-Aufbereitungen benutzen will, um Realitäts/Virtualitäts-Überlagerungen zu erzeugen. ‚Mechanistisch, seelenlos, völlig unbedeutend für den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, in dem der Mensch doch in einem Universum der Quantenunschärfe gefangen ist‘, sagen sie.

(Ian McDonald, Schere schneidet Papier wickelt Stein)

„Diplomatie ist die Kunst des Möglichen“, fügte Dr. Tagore hinzu. „Sagte ich das bereits?“ „Ja.“ „Aber nicht die Kunst des Notwendigen. Und daraus folgt: Warum müssen so viele sterben, obgleich es Alternativen zum Tod gibt?“ Dr. Tagore starrte an Krenn vorbei, und Tränen glänzten in seinen Augen.

(John M. Ford, Der letzte Schachzug)

In manchem seien ja die Beamten wie Kinder.

(Franz Kafka, Der Prozeß)

„Die alten Kirschbäume dort … Die Blüte ist schon vorüber, aber weißt du, ich möchte so gerne die Nordbergzedern sehen. Es ist ja nicht weit von Takao. Immer wenn ich sehe, wie gerade und schön sie aufragen, fühle ich mich wie neu geboren. Geh doch mit bis zu den Zedern! An den Nordbergzedern liegt mir viel mehr als am Ahornlaub.“

(Yasunari Kawabata, Kyoto)

„Schau sie dir gut an, Alvin“, sagte er. „Es mag die letzte sein, die man auf Erden zu Gesicht bekommt. Ich habe in meinem Leben außer dieser nur eine gesehen, und in alter Zeit soll der Himmel voll von ihnen gewesen sein.“ Stumm beobachteten sie, und mit ihnen die Tausende auf den Straßen und in den Turmhäusern von Diaspar, bis sich die letzte Wolke aufgelöst hatte, ausgesogen von der heißen, ausgedörrten Luft der Wüste.

(Arthur C. Clarke, Diesseits der Dämmerung)